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1. „Iscellane box 41/5
Ausschnitt aus: HEIC
WIEN
19 APRlL 1914
vom:
Cheater, Kunst, Musik.
Der neue Hofburgtheaterdirektor.
Noch immer sehen wir in dem kaiserlichen Pracht¬
hause am Franzensring das Zentram im Kunstleben
unseres ganzen Väterlandes und auch das Wort von der
ersten deutschen Bühne hören wir. So sind Direktions¬
fragen am Hofburgtheater eine Angelegenheit von weit¬
tragender Bedeutung und öffentlichem Interesse.
Seit fast zwei Jahren leitet Hugo Thimig das
Burgtheater, eine Zeitspanne von genügender Größe,
um ein Urteil über seine Eignung für den Direktions¬
posten zu ermöglichen, für den er nun definitiv ernannt,
worden ist. Man weiß, er hat das Theater nicht im aller¬
besten Zustande übernommen, vor allem nicht in fest¬
gefügtem, fertigem Zustande. Denn sein Vorgänger,
Baron Berger, trotz seines Alters ein Mann von jüng¬
linghafter Tatkraft und weitfliegenden Plänen, wurde
nach kaum zweijähriger Tätigkeit von einem offensicht¬
lich unfertigen Werke abberufen. Viele seiner Absichten
ließen sich freilich auch nach seinem Tode noch verwirk¬
lichen und der Spielplan wurde fast ein halbes Jahr
lang noch mit den Stücken bestritten, die er zur Auf¬
führung bestimmt hatte. Dann setzte die Arbeit des pro¬
visorischen Leiters erst voll ein. Wie gut oder schlecht sie
gewesen sein mag, sicherlich ist die Linie des Anstieges,
in die Baron Berger das Theater mit Vehemenz hinein¬
gerissen hatte, nicht ungebrochen fortgesetzt worden. Denn
Berger war ein Theaterdirektor von zu starker Persön¬
lichkeit, als daß sein Nachfolger, wer immer es auch ge¬
wesen wäre, sein unfertiges Werk mühelos und mit
gleichem Erfolge wie er hätte fortsetzen können. Immer¬
hin hat Hugo Thimig in großen Zügen Baron Bergers
Programm verfolgt, nämlich: Ergänzung des Schau¬
spielerbestandes und Wiederbelebung des alten, arg ver¬
nachlässigten klassischen Programmes. Mancher gute
Griff ist ihm da gelungen, manche anerkennenswerte
Arbeit ist da getan worden. Wir haben eine Reihe guter,
neuer Schauspieler (die freilich fast ausnahmslos zu
wenig beschäftigt werden) bekommen und ein paar seit
Jahrzehnten nicht mehr gespielte Klassiker haben eine
Auferstehung gefeiert, wenn auch freilich keine solche zu
ihrem ehemaligen Glanze. Immerhin, dies sind unbe¬
streitbare Erfolge, und sie sind sicher nicht mühelos er¬
rungen worden. Weniger glücklich aber war der provi¬
sorische Leiter, wenn er auf die Suche nach Neuheiten
ging. Da gab es Mißerfolg über Mißerfolg, Stücke, die
mit großem Aufwand von Mühe und Kosten inszeniert
worden waren, um schon eine Woche später vom Theater¬
zettel zu verschwinden, oder Stücke, die zwar volle Häu¬
ser machten, aber ein so tiefes literarisches Niveau hat¬
ten, daß sich heute schon ihrer niemand mit Behagen er¬
innert, als der Kassier. Allgemach nervös geworden,
traute sich der Theaterleiter eigene Neuentdeckungen schon
nicht mehr so recht zu, sondern brachte Stücke als Neu¬
heiten in den Spielplan, die an andern Wiener Bühnen
längst die Feuerprobe bestanden hatten und seither wie¬
der in Vergessenheit geraten waren.
Bedenken muß man freilich, daß ihm die lange
Unsicherheit seiner Stellung möglicherweise die rechte
Arbeitslust benahm. Denn es ist nicht jedermanns
Sache, an eine Aufgabe, von der er in jedem Augenblick
weggerufen werden kann, sein Allerletztes, Allerbestes
hinzugeben. Provisorische sind fast nirgends und nie¬
mals vollwertig gewesen.
Ueber eine Erscheinung aber muß man offen
reden: eine Willfährigkeit Thimigs gegenüber der in
der Literatur augenblicklich herrschenden Clique. Wir
haben es in der letzten Zeit mehrfach betont, daß es eines
Burgtheaterdirektors nicht würdia ist sich can und gar
Hat das Wiener Hofburgtheater Kulturarbeit zu
verrichten, so kann es sich doch immer nur um die Kul¬
tur des deutschen, christlichen Wien handeln, die hier eine
Pflegestätte, einen Hort und eine Förderung finden soll.
Diese alte, viele Jahrhunderte alte, auf den allehr¬
würdigsten Traditionen aufgebaute, durchaus christliche
und deutsche Kultur zu wahren, ihr eine Pflegestätte zu
sein, sie in Glanz und Pracht der ganzen Welt vor Augen
zu führen, dies allein muß das letzte Ziel, die größte und
heißeste Sehnsucht des gegenwärtigen und jedes kom¬
menden Burgtheaterdirektors bilden.
Viel hat unser Hofburgtheater, der Stolz unserer
Väter, schon von seinem alten Ansehen eingebüßt. Der
Direktionsposten, durch einen Laube und Dingelstedt,
durch einen Schreyvogel und Wilbrandt geadelt, ist von
mehr als einem Unfähigen und Unwürdigen wieder in
Verruf gebracht worden. Möge sich unser neuer Direktor
der ganzen Größe seiner Verantwortung bewußt werden!