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Wschenangabe onne Gewahr.)
Deutsches Volksblatt, Wien
Ausschnitt aus: Abondblatt
vom: 28. 2. 1918
sso schloß er — „würden, wenn wir es versucht
Die Weltlage.
hätten, gewisse Interessenkreise getrachtet haben,!
Betrachtungen eines Nichtpolitikers.
eine Panik hervorzurufen und sie hätten mit ihren
unheilvollen Plänen Erfolg gehabt. Heute jedoch
Fünf Jahre noch läßt sich Serbien Zeit bis zur end¬
würden solche Hetzereien keinen günstigen Boden
gültigen Abrechnung mit Oesterreich=Ungarn. So lautet die
finden, da man genng daran hat. Man kennt diese
Drohung zweier serbischen Exminister. In fünf Jahren wird
Methoden und ist von Mißtrauen erfüllt gegenüber diesen!
nämlich nach ihrer Versicherung Serbiens neue militärische
Tendenzen.“ Etwas schleierhaft ist diese Rede und doch ist
Organisation schon ausgebaut und auch Rußland in der
Lage sein, sich kraftvoller als bisher für die serbische Sache sie nicht mißzuverstehen. Die „Interessenkreise“, sind er¬
einzusetzen. Wenn der eine der beiden Brandredner diesejkannt, das konnte der „Neuen Freien Presse“ am aller=
wenigsten verborgen bleiben.
Frist nur unter der Voraussetzung als hinreichend erklärte,
Ein allgemeines Wettrüsten ist an der Tagesordnung.
daß nicht eine Beunruhigung durch Oesterreich=Ungarn er¬
Und da man nicht nur zum Kriegführen, sondern auch
folge,
so scheint, abgesehen von der Unverfrorenheit, daß
zur Vorbereitung des Krieges Geld, Geld und wieder Geld
der Wolf sich anstellt, als ob er kein Wässerlein getrübt
braucht, so verbluten sich alle Staaten durch die Rüstungen
hätte, die frivole Herausforderung, jenen Recht zu geben,
und zum Kriegführen bleiht vielleicht kein Geld mehr übrig.
die es während des Baltankrieges für angezeigt hielten, daß
Und so ergibi es sich von selbst, daß die Staaten immer mehr
die Monarchie die Politik der Lammsgeduld aufgebe und an
in die Knechtschaft der Geldmächte geraten. „Auch der Krieg
den bösen Buben ein Exempel statuiere. Was nun? So kann
hat seine Ehre, der Beweger des Menschengeschickes.“ So
es nicht weiter gehen — das ist wie damals auch diesmal
Schiller. Im Zeitatter Schnitzlers jedoch müßte es heißen:
die Meinung der Bevölterung, die die richtige Empfindung
der Beweger der Börse. e0kigens hat schön Mölike den
hat, daß aus der andauernden Unsicherheit der außenpoliti¬
Satz geprägt: „Die Börse hat in unseren Tagen einen Ein¬
schen Verhältnisse ihr nur Schaden erwächst, während volks¬
fluß gewonnen, der die bewaffnete Macht für ihren Vorteil
seindliche Elemente im Trüben fischen.
ins Feld zu rusen vermag.“ Gewiß. Sie hetzt zum Kriege
Zu Anfang dieses Jahres haben Aeußerungen des
oder wiegelt ab, wenn es etwa den Waffenfabriksaktien
englischen Schatzkanzlers die Oeffentlichkeit viel beschäftigt.
frommt oder sonstigen „unheilvollen Plänen“ zu statten
Die „Neue Freie Presse“ hat sie an erster Stelle wieder¬
kommt. Den Krieg allerdings will sie eigentlich nicht, denn
gegeben, als Leitartikel, allerdings ohne Begleitworte. Und
es ist den ihr nahestehenden Reservelentnants zwar auch
doch wäre es höchst wünschenswert gewesen, zu erfahren,
eine Ehre, des Kaisers Rock zu tragen, aber nicht Herzens¬
wie gerade sie, das Organ der hohen Finanz, darüber denkt.
bedürfnis, sich für den Kaiser zu schlagen! Eine Panik genügt.
Nicht insofern das Verhältnis der Rüstungen Englands zu
Die Serben schreien — die Börse kann ihr Spiel beginnen.
Deutschland dabei in Frage kam, denn die Anschauung, daß
Deutschland auf die Ausgestaltung der Landarmee bedacht
sein müsse, um gegen Frankreich und Rußland gesichert zu
sein, ist etwas Selbstverständliches und der Vorsatz Englands,
für die ohnehin überlegene Flotte nichts weiter vorkehren
zu wollen, so daß Deutschland auf eine Vermehrung seiner
Flotte nicht erpicht zu sein brauche, ist höchstens eine neue
Formel für Großbritanniens bekannten Wunsch, seine See¬
macht von der Marine des Deutschen Reiches auch nicht an¬
nährrnd eingeholt zu sehen. Einige Bemerkungen des Schatz¬
lanziers aber waren so eigenartig, daß man sich über die
Zurückhaltung des sonst gewiß nicht verlegenen Wiener
liberalen Hauptorganes nicht genug verwundern kann. Frei¬
lich kamen diese Bemerkungen aus dem Munde eines Ver¬
treters des englischen Liberalismus, also von befreundeter
Seite. Darum eben gewinnen sie ausnahmsweise auch für
#ns besondere Bedeutung.
Die Notwendigkeit guter Beziehungen zwischen England
und Deutschland betonend, wies der Schatzkanzler daraus
hin, daß „der Agadirzwischenfall beiden Ländern nahes
gebracht“ habe, „welche Gefahren in der von Zeitungen
und gewissen Interessenten geschaffenen und erhaltenen
Atmosphäre des Verdachtes liegen“. Auf welche Zeitungen¬
auf welche Interessenten hat er da wohl angespielt? „Die¬
Spannung zwischen Deutschland und England“, fuhr der
Kanzler fort, „hat gänzlich nachgelassen, hauptsächlich durch.
die weise Politik Edward Greys.“ Hauptsächlich — schön.
Nebenbei aber — wodurch? Vielleicht gar durch die Heirat¬
enes englischen Lords, der eine Tochter des Berliner Hauses¬
Friedländer=Fould heimführte? Die stärkste Hoffnung, Eng¬
ands Rüstungen einstellen zu dürfen, schöpft der Schatz¬
tanzler aus dem Umstand, daß „in der ganzen Christen¬
heit, sicherlich in dem ganzen westlichen Europa eine Auf¬
lehnung gegen die erdrückenden Rüstungen wahrnehmbar“s
ist. Hätte also die Christenheit doch noch etwas mitzureden:
Da begreifen wir freilich, daß die „Neue Freie Presse“
einzig durch ihr Schweigen gute Miene zu dem ihr unan¬
genehmen Spiele machen mußte. Vielleicht aber hat es der¬
Schatzkanzler gar nicht so böse gemeint. Er fügte nämlich
hinzu: „Die industriellen Klassen, sowohl die Kapitalisten
wie die Arbeiter, empören sich mit ihrem gesunden Menschen¬
verstande gegen diesen organisierten Wahnsinn.“ Unter den
Kapitalisten gibt es doch auch Christen? Einige wenigstens
sind ja getauft! Und die Arbeiter? Sollte er an diejenigen
gedacht haben, deren Führer mit den Kapitalisten gehen —
vielleicht an einen Bund, gleich dem der Adler und Karpeles
mit Rothschild und Kuffner? „Die höchsten Interessen der
Zivilisation gebieten uns, zu handeln“, rief der Schatzkanzler
aus. „Zu handeln“ — o, dazu ist man „in der ganzen
Christenheit“ jederzeit bereit. Indessen, der Schatzkanzler¬
sprach englisch und sein Wort hatte vielleicht keinen Neben¬
sinn. Er wollte also sagen, daß England durch die Unter
lassung weiterer Rüstungen der Zivilisation einen
zie Jahren“
Dienst erweisen würd¬