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1. Miscellant
(Hamburg), Schrifstellerin Hedwig Dohm (Berlin), Professor
Franz Drtina (Prag), Professor Viktor v. Ebner (Wien),
Theologieprofessor B. D. Erdmann (Leiden), Professor
F. Erismann (Zürich), Schriftsteller Herbert Eulenburg
hnitt aus:
(Berlin), Anatole France (Paris), Heinrich Friedjung
Hlocker-Zeitung, Wier.
(Wien), Schriftsteller Ludwig Fulda (Berlin), Arzt Robert
25 H011973
Gersuny (Wien), Nationalrat A. Gobat (Bern), Hermann
Greulich (Zürich), Professor Karl Grünberg (Wien), Jules
Guesde (Paris), Ernst Haeckel (Jena), Ludo Hartmann (Wien),
Für die politiichen Gefangenen
Gerhart Hauptmann (Berlin), Freiherr v. Hock (Wien), Kom¬
ponist Engelbert Humperdinck (Berlin), Jean Jaurès (Paris),
Ruhlands!
Professor Friedrich Jodl (Wien), Ellen Key (Schweden),
Ein Aufruf des kulturellen Europa.
Senator H. H. van Kol (Holland), Malerin Käthe Kollwitz
(Berlin), D. H. H. Kuyper (Amsterdam), Selma Lagerlöf
Seit der Verkündung der verfassungsmäßigen Freiheit
m Oktober 1905 sind mehr als vierzigtausend
(Berlin), Jean Longuet (Paris), Professor Walter Lotz
zersonen wegen politischer Vergehen in Rußland verurteilt
vorden.
(München), Mitglied des Unterhauses Ramsay Macdonald
Davon wurden mehr als dreitausend hingerichtet,
(London), Ernst Mach (Wien), Schriftsteller Paul Marguerite
(Paris), Th. G. Masaryk (Prag), Professor Wilhelm
nehr als zehntausend in den Tote häusern der „Katorga“
ingekerkert.
Schriftsteller Oktave Mirbeau
Meyer=Lübke (Wien),
(Paris), Schriftsteller Peter Nansen (Kopenhagen), Pro¬
Die Mehrzahl dieser Verurteilungen erfolgte durch
Standgerichte.
fessor P. Natorp (Jena), Friedrich Naumann (Berlin),
Schriftsteller Martin Anderien=Nexö (Kopenhagen), J. Domela
Die jüngste Amnestie aus Anlaß des Regierungs¬
Nieuwenhuis (Holland), Professor Theodor Nöldecke (Straßburg),
ubiläms der Romanows hat die politischen Gefangenen kaum
Wilhelm Ostwald (Leipzig), Engelbert Pernerstorfer (Wien),
erücksichtigt, ihre entsetzlichen Leiden hat sie meist unverändert
esteben lassen.
Francis de Pressenié (Paris), Professor Emil Reich (Wien),
Schauspieler Emanuel Reicher (Berlin), Schriftstellerin Gabriele
Die Freiheitsstrafen werden bei den gegenwärtigen Zu¬
Reuter (Berlin), Paul Schlenther (Berlin), Arthur Schnitzter
tänden in Ruß and zur unerträglichen Marter. Unterernährung
(Wien), Marcel Sembat (Paris), Vizepräsident Stauning (Kopen¬
bis zum buchstäblichen Verhungern, Uebersüllung der Gefängnisse
hagen), Professor Franz v. Stuck (München), Schriftsteller Eduard
bis zur Unmöglichkeit, auch nur den nackten Fußboden als
Stucken (Berlin), Vizepräsident P. J. Troelstra (Haag), Eduard
Lagerstätte zu benützen, und eine alles menschliche Gesühl ver¬
Vaillant (Paris), Schrittstellerin Klara Viebig (Berlin), Schrift¬
höhnende Behandlung der Gefangenen lassen. die Gefängnisse
steller Frank Wedekind (München), Musiker Felix Weingartner
zur wahren Hölle werden.
(Hamburg), Schriftsteller H. G. Wells (London), Schrifsteller
Zehn Koveken, das sind einundzwanzigeinhalb Pfennig,
Gustav Wied (Dänemark) und viele andere Männer der Politik,
wirft die Verwaltung für die Beköstigung der Gelangenen im
der Wissenschaft und Kunst.
Durchschnitt für den Tag aus; davon wird aber noch ein großer
Teil durch Willkür und durch Untreue der Beamten seinem
Zwecke entzogen.
Zusammengepfercht in überfüllten Räumen, die den
elementarsten Anforderungen der Hygiene und Sauberkeit ins
Gesicht schlagen, werden die elend verpflegten Gesangenen fast
ohne jede ärztliche Hilfe verheerenden Epidemien ausgeliefert.
Slorbut, Typhus und Tuberkulose dezimieren ihre Reihen. In
manchen Gefängnissen ist die jährliche Sterblichkeitsziffer auf
zwölf Prozent gestiegen. Die Gelängnisse werden oft zu
Krankheitsherden für die ganze Umgebung. Gefangene mit
langjährigen Freiheitsstrafen, und das sind die meisten
„Politischen“ sind unentrinnbar zur grausamsten Todesstrafe,
zu „langsamem Sterben“, verurteilt.
Furchtbar ist die persönliche Behandlung der Gefangenen,
im Untersuctungsgefängnis nicht minder als im Strafgefängnis.
Folterungen bei den Verhören, schwere Mißhandlungen und
Durchpeitschungen von Männern und Frauen sind, in Prozessen
festgestellt, jedes Jahr in der Reichsduma erörtert worden.
Eine wahre Selbstmordepidemie ist unter den Gefangenen
entstanden. Die Unglücklichen sehen im Selbstmord die einzige
Erlösung, viele von ihnen geben sich hiebei der Hoffnung hin,
daß ihr freiwilliger Tod die Oeffentlichkeit aufrütteln und so
eine Verbesserung der unerträglichen Lage ihrer Leidens¬
gefährten herbeiführen werde.
Von erschütternder Tragik ist auch das Los der
ungezählten Tausende von politischen Verbannten, von denen
die Mehrzahl ihrem Schichal ohne Richterspruch, durch
administrative Willkür ausgeantwortet ist. Zumeist in eisigen
Gebieten und ohne die Möglichkeit auch nur der notdürstigen
Ernährung, Bekleidung und Unterkunft siechen sie rettungs¬
los dahin.
Schon die Schilderungen George Kennans haben einen
Sturm der Entrüstung in Westeuropa entfesselt; jetzt, nach einem
Vierteljahrhundert, stehen wir vor noch viel entsetzlicheren Zu¬
ständen. Heute wie damals handelt es sich teineswegs um eine
ausschließlich innerrussische Angelegenheit. Diese Zustände rufen
vielmehr über alle politischen Meinungsverschiedenheiten hinweg
das Gewissen aller Kulturvöller auf.
Seit einigen Jahren regt sich in Westeuropa eine Be¬
englisches Comité von Parlamentariern verschiedener Parteien,
von Vertretern des Journalismus, der Kirche und der Universi¬
täten eine Schritt mit dem Titel: The Terror in Russia“ als