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1. Miscellaneone
att, Oras
tt
Ein „guter“ Roman muß heute Helden und Heldinnen mit
Lektüre bieten“; oder: „Der Dichter ist Mensch und will, daß
Musik.
liederlichster, womöglich perverser Gesinnung und entsprechender
echte, nackte Menschlichkeit mit ihrer Herrlichkeit und ihren
Lebensführung darstellen. Verschmäht es ein Roman, erotische
Schwächen wieder zur Geltung komme.“ Dergleichen zieht
Schmutz!
„Probleme“ zu bieten, die zum Gegenstand die Umwertung des
immer. Würde ein reichliches Dreiviertel der Bücher, die heute
nne aktuellen Thema
Sittlichen haben, so werden sie gewöhnlich grundsätzlich abge¬
der Ehre teilhaftig sind, zur modernen Literatur gerechnet zu
Fräftige Worte, die in
lehnt. Ein „wahrhaft moderner“ Dichter hält es für seinen Be¬
werden, vernichtet, so wäre dies ein großer Gewinn für das
beachtet werden soll¬
ruf und für zeitgemäß, die Geschlechtsliebe in ihrer Zuchtlosig¬
sittliche Leben. Ein Gewinn auch für die wenigen wirklich guten
hrzahl der in Massen
keit zu „besingen“, wobei sich der Verdacht nicht abwehren läßt,
Bücher; denn je mehr das Unkraut ausgejätet wird, um so tiefer
daß das mit wohlbewußter und berechneter Rücksicht auf das Ge¬
Wirkung haben, „die
können sie im Herzen des Volkes Wurzel schlagen.“
ggipfelt in dem Rufe:
schäft geschieht. Schwindelhafte Anzeigen der Wunderkuren und
Was der „Reichsbote“ schreibt, ist leider nur zu wahr und
eißt es hierzu weiter:
Allheilmittel von Kurpfuschern und Quacksalbern werden heute
trifft nicht bloß für die belletristische, sondern auch für die
in den letzten Jahren
mit Nachdruck und Erfolg bekämpft, weil sie die Gesundheit
dramatische Literatur in dem gleichen Maße zu, ebenso
bedrohen. Aber zur Gesundheit gehört auch die des Geistes. Die
fen hat es wenig und
für die Malerei und Plastik. Ein Punkt hätte noch berührt sein
ie Romanlitera¬
Anpreisung von Literaturerzeugnissen, die die geistig=sittliche
sollen, nämlich die Industrialisierung der Re klame¬
Nationalliteratur für
Gesundheit verwüsten, sind ein noli me tangere. Wie solche
kritik. Wer nur einige Wochen aufmerksam ein paar freiheit¬
Verbreitung eindäm¬
Anpreisungen beschaffen sind, dafür ein Beispiel, das einem
liche Zeitungen und Zeitschriften liest, findet da bald wie — fast
en, Erzählungen und
Aufsatze von Julius von Pflugk=Harttung über „moderne Lie¬
auf Kommando — zu gleicher Zeit dasselbe Buch mit ungefähr
am meisten gelesen.
besliteratur“ entnommen ist. Einem Wiener Juden den
denselben Worten angepriesen wird, Die vielen Allzuvielen fallen
uirch Bücher verbreitet
die internationale, stammverwandte, aulf Gegenseitigkeit arbei¬
darauf herein, und Verleger und Autor machen schnell ein gutes
lege und Obhut. Als
tende Kamaraderie bereits sehr hoch gebracht hat, wurde von
Geschäft. Nach 14 Tagen spricht kaum jemand von dem Buche;
r“, als „Dokumente
einem Wiener Blatte die das Geschäft gewährleistende „Unan¬
es verschwindet für immer in der Versenkung. Daß aber das
tastbar. Unsere ge¬
ständigkeit“ also bezeugt: „Es braucht schon das ganze artistische
„Geschäft“ dabei blüht, das beweist die noch immer sich steigernd¬
weiter links stehende
Produktion der Schmutzschriften und ihr Verkauf.
Raffinement, die sichere Gestaltungskraft und die feine Grazie
r für die Bearbeitung
„im Unanständigen“ eines Schnitzler. um auf diesem schlüpf¬
* Begabung betätigen,
rigen Boden nicht zu entgleisen##t eindeutigen Si¬
[Franz Ferdinand und die Denkmalpflege.]
Erzeugnisse nicht mit
tuationen nicht ins Laszive, nicht in das beliebte Milien: „Nur
Seit vier Jahren war Erzherzog Franz Ferdinand Protektor
rfen wie gewöhnliche
für Herren“ zu vergröbern.“ Für ein anderes, gleich wirksames
der k. k. Zentralkommission für die Erhaltung von Krinst= und
mutzigen Stoffe mit
Anpreisungsverfahren, gibt das Muster folgender Waschzettel
historischen Denkmalen. Wenn die hohe Bedeutung der Er¬
nur etwas weniger
für einen Lyriker, der die „singende Sünde“ geschrieben hat:
haltung von Kunstschätzen und künstlerischen Werten der Ver¬
hl der Romane, zu
„Die singende Sünde nennt der Dichter sein neues Werk, weil
gangenheit in Österreich gebührend anerkannt wird, so ist dies,
riesenen, haben heute
er sich nicht scheut, Dinge mit offenen, freien Worten zu be¬
wie uns von berufener Seite mitgeteilt wird, zum großen
hlechtsliebe. Die Ro¬
nennen, ja zu preisen, die der Philister Sünde nennt. So ist
Teile den Bestrebungen des verblichenen Prinzen zu verdanken.
denn sein neuer Gedichtband kein Buch für Kinder geworden, da¬
a zu sein, die Sinn¬
Man muß Erzherzog Franz Ferdinand als einen Pionier der
für aber ein Buch, das freidenkende erwachsene Menschen ent¬
Werken mit „psycho¬
östereichischen Denkmalpflege bezeichnen. Aus der Lektüre
anzuregen, besonders
zücken muß, weil es nicht nur sündig ist, sondern auch — und
der „Mitteilungen der Zentralkommission“ in den letzten
ekanntesten Romane,
vor allem — singend.“ Die meistbenutzte Reklameschablone
Jahren geht die auf seine Einflußnahme in Kunstfragen zu¬
rdiensten verpflichtet
lautet: „Die Schilderung ist lebenswahr, aber wegen des heiklen
rückzuführende gesteigerte Tätigkeit auf diesem Gebiete deut¬
nd der Unnatur.] Stoffes dürfte der Roman nur für moderne Menschen geeignete lich hervor. In der Angelegenheit des Domes von Aqui¬