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1. Miscellancous
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: Wiener Kriegedramaturgie. „Der Kricg i eine
Gefahr für die Kultur!“ Diese Behauptung bekommt man jetzt
jeden zweiten Tag zu hören, und doch ist sie falsch. So grund¬
falsch, daß man getrost behaupten kann: der Krieg fördert die
kulturelle Entwicklung. Ihr zweiselt? Dann seht euch die
„Reichspost“ an! Dieses Blatt, das sich vor dem Kriege aus
Grundsatz alle Kultur so weit als möglich vom Leibe hielt, legt
jetzt das lebhafteste Interesse für Kulturfragen an den Tag. Es
rlngt sygar Leitartikel — wirklich: Leitartikel! ber das
Theater. Und das ist kein Zufall, es geschieht nicht, weil
Herr Dr. Funder gelegentlich um einen Leitartikelstoff ver¬
legen wäre, sondern der Zustand unserer Schaubühne
macht der „Reichspost“ wirklich schwere Sorgen. Wer ihre
Theaterleitartikel liest, kommt auch bald dahinter, daß es sich
da nicht um Gelegenheitsaufsätze handelt, sondern um eine
ernste, systematische Arbeit. Die „Reichspost“ will, darüber kann
kein Zweifel bestehen, eine klassende Lücke in unserer Literatur
ausfüllen: sie will uns eine Kriegsästhetik und vor allem eine
Kriegsdramaturgie schenken. Was ist in Kriegszeiten schön?
Was ist während des Krieges auf dem Theater erlaubt? Das
sind 1i Fragen, die die „Reichspost“ lösen will. Ob sie
Erfolg haben wird? Darüber läßt sich heute natürlich
noch nichts sagen, man muß warten, bis der Drameturg
in der Strozzigasse mit seiner Arbeit fertig ist. Aber schon heute
vermag man zu erkennen, wo er hinauswill: wie Lessing seiner¬
zeit die Deutschen von der Ueberschätzung der französischen
Klassiker heilte, indem er ihnen Shakespeare eingab, so sollen
die dramaturgischen Leitartite. der „Reichspost“ die Vertreibung
des französisch=jüdischen Geistes von unserer Bühne vorbereiten,
indem sie die Aufmerksamkett der Oeffentlichkeit auf einen
anderen, größeren, aber bisher stumpfsinnig verkannten Geist,
nämlich unseren christlich=einheimischen Bühnendichter Dr. Richard
v. Kralik zu lenken versuchen. Die Umstände scheinen diesem Be¬
ginnen günstig zu sein: in der Zeit des „seelischen Aufschwungs“,
der allgemeinen „Verinnerlichung“ des „Zusammenbruchs der
modernen Weltanschauung“ u. s. w. muß es doch möglich sein,
die Schwätzer, die Possenreißer, die Frivolen, die Zyniker, kurz
das ganze Gesindel, das heute die Tempel der dramatischen
Kunst durch sein Treiben entweiht, auf lange Zeit hinaus
unmöglich zu machen und Herrn Dr. v. Kralik möglich. Und
zwar ordentlich möglich: nicht auf einer Liebhaberbühne, nicht
in Simmering oder Stockerau, sondern im „ersten Schau¬
haus dieses Reiches“ im Burgtheater. Also hat sich
die „Reichspost“ nicht damit begnügt, den jammer¬
vollen Zustand, in dem sich unsere Bühnenkunst be¬
findet, nur so im allgemeinen aufzuzeigen, sondern auch,
in ihrem gestrigen Leitartikel, dem Burgtheater im besonderen
eine Leition erteilt. Der Aufsatz unterzieht den Spieplan der
lausenden Woche einer vernichtenden Kritik. Mie Aecht. Denn was
wird diese Woche im Burgtheater gespielt? „Schirin und
Gertraude“ von Ernst Hardt, „Der einsame Weg“ von Schnitzler
und „Nathan der Weise“ voa Lessing. Hardt, Schnitzler, Lessing
eine saubere Oesellschaft! Schninter-ein#nde Leising
ein geständiger Judenreund und jüdischer Abstammung
bekanntlich bringend verdächtig und Hardt gar ein Mensch
mit türkischen Gesinnungen: er behandel' einen Mann, der zwei
Frauen hat und nicht übel Lust zeigt, eine dritte zu nehmen, als
Lustspielfigur! Das kann sich die „Reichspost“ bei allen politi¬
schen Sympathien für die Türkei nicht gefallen lassen. Ebenso¬
wenig Schnitzlers nichtsnutziges Stück, in dem es so zugeht wie
sehr oft in der bürgerlichen Wirklichkeit. Am allerwenigsten aber
Lessings „Nathan“. Fordert nicht schon der Name Nathan zu
einem Ruszeichen heraus? Um wie viel mehr erst die
Absicht des Stückes. Leising behauptet ganz gemütlich,
daß Juden und Mohammedaner sozusagen auch Menschen
sind. (Wobei noch zu bemerken ist, daß er nicht,
was allenfalls hingehen könnte, von den heutigen
Mohammedanern redet, die den Heiligen Krieg führen, sondern
von jenen, die zur Zeit der Krenzzüge lebten!) Ja, nach Johannes
Scherr, auf den sich die „Reichspost“ beruft, ist die „Hauptidee“
der Lessingschen Dichtung diese: „Das Reinmenschliche muß über
alle Satzungen und Fesseln des rellgiösen Vorurteils
triumphieren.“ Und so ein Stück wird während des Welt¬
krieges aufgeführt! Heute wird das Reinmenschliche, die
Menichlichkeit verherrlicht! Das kann die „Reichspost“ nicht
schweigend ertragen. „Solche Kunst“, ein solch „öder Rationalismus“
eine solche „zweiselhafte Jedermanns= und Allerweltsreligien“
kann ja zu nichts Gutem führen. Schon hat, wie die „Reichs¬
post“ erzählt, „einer der hervorragendsten Köpfe dieser Stadt“
unlängst gesagt: „Wahrhaftig, wenn die Kosaken nach Wien
kämen, gewisse Kreise hätten es redlich verdient.“ Also spielt die
Stücke von Kralik! Dann werden sich's erstens die Kosaken über¬
legen, nach Wien zu kommen, und zweitens werden wir dann
endlich wieder ein Burgtbeater haben, das vorbildlich wirken
wird wie in jängst entschwundenen Tagen.