II, Theaterstücke 15, Sylvesternacht, Seite 1

15.
et
iWVUurSrauar
Nr. 8
Sylvesternacht
Ein Dialog
Arthur Schnitzler
das geraumige Speise=
zimmer der Fami¬
lie, in dem eben ein
Souper zu vierund¬
zwanzig Gedecken
stattgefunden hat.
Gläser mit Cham¬
pagner, andere mit rotheni und weißem Wein,
halbgefüllt, stehen noch auf dem Tisch. Die Sessel
in Unordnung. Zwei Kellner, die für den heutigen
Abend gemiethet worden sind, verschwinden durch
die Ausgangsthür. Eine andere Thür, die in
den Salon führt, ist angelehnt. Gewirr von
Stimmen dringt herein. Zwei Fenster sind ge¬
schlossen, das dritte steht weit offen. Frau Agathe,
die ganz allein ist, blickt hinaus; der Schnee fallt
dicht und lau; zahlreiche erleuchtete Fenster gegen¬
über. Unten fährt ein Wagen vorbei wie über
einen Teppich. Stimmen könen gedämpft herauf
Der Sohn des Hauses, jung und blind, kommt
aus dem Salon und will das Speisezimmer passiren,
da erblickt er Agathe und wendet sich zu ihr.
Emil: Haben Sie nicht Angst, sich zu ver
kühlen, gnädige Frau?
Agathe: D nein; es ist ja ganz mild.
Emil : (eine Hand zum Fenster hinaushaltend):
Merkwürdig — der Schnee ist beinah warm. Der
Frühling muß schon in der Nahe sein. Im übrigen,
glückliches neues Jahr.
Agathe: Danke, gleichfalls. Sagen Sie
mir, was wird denn jetzt eigentlich geschehen?
Emil: In wiefern?
Agarhe: Nun, es wird doch auf irgend
eine Weise für die Unterhaltung gesorgt
werden.
Emil: Selbstverständlich. Ich weiß aller
dings nicht . . . aber die Stimmung ist ja
schon durch den bedeutenden Augenblick ge¬
hoben. Bedenken Sie: ein neues Jahr
beginnt.
Agathe: Freilich.
Emil: Wahrscheinlich wird man tanzen
Agathe: Haben Sie einen Klavier¬
pieler?
Emil: Fritz wird spielen; — jedenfalls
Agathe: Ihr Cousin ?
Emil: Ja. Wir sind ja ganz unter
uns: es ist nichts als ein erweiterter Fa¬
milienkreis. Glauben Sie denn, gnädige
Frau, Sie waren heute bei uns geladen,
wenn nicht Ihr Gemahl der Cousin von
Mama wäre?
Agathe: Ach ja.
Emil: In unserem Haus halt man
noch an der schönen Sitte fest, daß an
solchen Abenden nur die Menschen zusam¬
menkommen, die auch zusammengehören,
die durch die Bande der Verwandtschaft mit¬
einander verknupft sind. Na ja, darum
unterhalt man sich auch so gut, daher die
festliche und gerührte Stimmung. Haden
Sie das gar nicht bemerkt?
Agathe: Gewiß. Auch hab' ich die
Sitzordnung so sinnig gefunden: Ehepaare
zusammen, Kinder neben den Eltern . . .
Emil: Ja.
Agathe: Und was sollen die Leute thun,
die nicht tanzen?
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JUGEND
Emil: Nun, die Herren werden Karten spielen;
Ihr Mann, Papa und Herr Friedmann haben
bereits angefangen.
(Klavierspiel im Nebenzimmer.)
Hören Sie, Friß hat sich schon an den Flügel
gesetzt.
Agathe: Darauf wird man schwerlich tanzen
können.
Emil: O, er fangt immer mit Tristan und Isolde
an, aber es wird immer wieder die Fledermans¬
Larf ich Sie nicht hineinführen, gnädige Frau?
Agathe: Es hat Zeit; ich tanze nicht mehr.
Emil: D, gnadige Frau !
Agathe: Bitte, bemühen Sie sich nicht. Ich
bin sechzehn Jahre verheirathet. Wenn Sie mir
vielleicht mein Cape reichen wollten? Dort über
der Lehne hangt es.
Emil: Hier, gnädige Frau.
Agathe: Tante. So — ich bleibe noch ein
bischen am Fenster; es ist so wunderschön. Aber
stören Sie sich nicht um meinetwillen, ich bitte
sehr Sie wollten wahrscheinlich fortgehen.
Emil: W nein.
Agathe: Sie sind gewiß noch irgendwo ein¬
geladen und werden wohl noch Ihre besondere
Sylvesterfeier haben, in der richtigen Gesellschaft
Emil: Das wäre nicht unmöglich ... aber
geladen bin ich nicht, wirklich nicht. Ich wollte
nur in mein Zimmer gehen; denn in meinem
Zimmer hab' ich ein Rendez=vous.
Agathe: O! was für Zustände in diesem
anständigen Burgerhause!
Emil: Das anstandige Burgerhaus braucht
sich nicht zu schämen; ich habe Rendez=vous mit
einer Unsichtbaren.
Paul Rieth
Ein lust'ger Musikante
Haben Sie Erläubniz zum Spielen?
Mein!
Dann begleiten Sie mich!
Is recht — was wollen's denn singen?
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1901
Agathe: Sehr interessant!
Emil: Hören Sie?
Agathe: Was denn?
Emil: Wie sich der König Marke allmählig
in den Rentier Gabriel Eisenstein verwandelt hat.
(Trällert mit). „D je, o jeh, wie rührt mich
dies . . . .
Agathe: Also was ist das für ein geheimni߬
volles Rendez-vous?
Emil: Das verhalt sich folgendermaßen: ich
bin hier, wie Sie bemerken, und sie
Agathe: Die Unsichtbare...
Emil: Ja, die Unsichtbare ist in diesem Augen¬
blick auch irgendwo, wo sie nicht hingehört oder
wo sie nicht sein will, ebenso
Agathe: Ebenso wie Sie. Das ist nicht sehr
liebenswürdig, aber es ist wahr. Nun weiter.
Wo Sie sind, weiß ich — aber die Unsichtbare..
Emil: Lassen wir das dahingestellt; vielleicht
auch im Kreise ihrer Familie, vielleicht in einem
anderen Kreis — kurz, wir können zusammen
nicht kommen, der Champagner ist viel zu tief.
Agathe: Ich bin gegen Witze.
Emil: Entschuldigen Sie, gnädige Frau.
Nun, und da haben wir uns einfach (zum Him-
mel weisend) da droben ein Rendez=vous gegeven.
Agathe: Wo?
Emil: Bei den Sternen.
Agathe: Suß!
Emil: So haben wir uns verabredet: wenn
der Festesjubel auf's Höchste gestiegen — hören
Sie? (trallert wieder mit). „Die Majestät wird
Also, wenn der Jubel aufs
anerkannt . . .
Höchste gestiegen ist, wie zum Beispiel jetzt in
diesem anständigen Burgerhause, ziehen wir uns
Beide auf wenige Minuten zurück und treten
Beide einsam an ein Fenster
Agathe: Ich wünsche Ihnen von Her¬
zen, daß die Einsamkeit der Unsichtbaren
ehrlicher sei als die Jhre. . .
Emil: Ich stage es zu hoffen — treken
an's Fenster, schauen den großen Baren
an — sehen Sie, dort ist er — und trau¬
men von einander, so lebhaft als nur
möglich. Ja, das ist unser Renbez=vous
in der Syvesternacht. Darum wollte ich
eben in mein Zimmer gehen. Aber von
hier aus sieyt man den großen Baren gleich¬
falls, und nichts hindert mich, zu träumen
es sei denn, daß Sie so freundlich sein
wollen, gnädige Frau.
Agathe: Nichts liegt mir ferner. Trau¬
men Sie. (Auf der Straße gehen Leute;
Gruppen begegnen einander, gedämpfte
Rufe: „Prosik Neujahr!“, Lachen, Versuche,
zu singen; dann wieder Stille. — Agathe
und Emil schweigen).
Agathe: Ausgeträumt?
Emil: Ja.
Agathe: Nun erlauben Sie mir viel¬
leicht, Ihnen zu sagen, daß Sie mir nicht
im geringsten imponiren.
Emil: Nun ja, ich habe auch niemals
den Ehrgeiz gehabt . . . aber trotzdem, wie
meinen Sie das?
Agathe: Warum sind Sie denn nicht
bei ihr ?
Emil: Gnädige Frau, das ist eben un¬
möglich, die Verhältnisse liegen nun ein¬
mal so.
Agathe: Und ich sage Ihnen, Sie
lieben die Unsichtbare nicht, sonst wäre es
nicht unmöglich.