II, Theaterstücke 30, Der Gang zum Weiher. Dramatische Dichtung (Der weise Vater, Der Weiher), Seite 8


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30. Der Gang zun Neiher
Dr. Max Goldschmidt
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Neue Bürcher Zeitung, Zürich.
1 5. APR. 20
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indessen sind an der Grenze die Gewehre losgegan= im siebenten Jahr der Republik Oesterreich
Kunst in Wien.
gen, der Krieg ist da, und sein Rausch ergreift selbst] Repertoire des Burgtheaters durch die Na
den Kanzler. Auch des Kanzlers Tochter. Ver¬
Von Paul Stefan.
menschaft dieses Grafen Neipperg und einige
geblich hat ein Freund des Kanzlers, der alternde
Anverwandten bestimmt werden kann? Fra#
Das neue Stück von Artur Schnitzler ist in
Dichter Sylvester Thorn, den einst Leonildas Liebe
Roland ist eine verheiratete Gräfin Coude##
Wien noch nicht aufgeführt worden, so wenig wie
umschwärmte, nun um ihre Hand angehalten, Weib
Es scheint, daß sich die Gräfin gegen die
anderswo. Während solche mit besonderer Span¬
und Kind verlassend. Leonilda wird dem Sohn
lerin gewinnen ließ.
nung erwartete Werke sonst vorher nicht als Buch
des Marschalls, der gebietenden Stunde, der Ju¬
erscheinen, hat der Dichter diesmal die Buchaus¬
gend gehören, Sylvester Thorn ertränkt sich in dem
Die jüngsten Zeiten haben zwei großen¬
gabe (durch den Verlag S. Fischer) versenden las¬
gleichen verborgenen Weiher, zu dem sich in frühe¬
[retten=Premieren gehört, die Wien u
sen. Sie trifft uns hier wie ein besonderes Ereig¬
ren Tagen Leonilda des Nachts oft schlich, um mit
telbar vor Ostern und vor dem Burgtheaf
nis, und man fragt sich vergebens, warum das un¬
den Nixen um die Wette in kühle, mondbeschienene
nicht wenig aufregten. Das Johann St
mittelbar bevorstehende Jubiläum des Burg¬
Fluten zu tauchen. Verherrlichung der Tat also?
Theater brachte „Die spanische Nachtigall“ vor
theaters sich des Werks nicht bemächtigt hat. Denn
Es müßte kein Stück von Schnitzler sein, stände
Fall heraus, einen Berliner Triumph der Ma
es scheint für das Burgtheater geschrieben zu sein.
nicht der Zweifel am Ende: die Resignation des
hier aber noch unbekannt, so recht die Bes
Jedenfalls ist es ein durchaus österreichisches Stück
gestaltenden Poeten, der ja zuletzt doch seinem
Operette, Text von Schanzer und Welisch, wi
von dem silbernen Schimmer der Wiener Land¬
Sylvester Thorn recht gibt, den Künstler siegen
der „Teresina“ von Oskar Straus, die ja
schaft, von der Reife eines österreichischen Herbstes,
läßt, in einer nahen Zeit triumphieren, wenn der
auch nach Wien gekommen ist. Gleichfalls
von einer Menschlichkeit, die nun freilich Schnitzler
kriegerischen Ruhm rasch verflogen sein wird.
mit der Massary, die ja leider für Wiener
in ganz besonderem Maß zu eigen, aber doch auch
Vielleicht findet, wie man ihm vorwirft, der
rare nicht erreichbar zu sein scheint. Aber ##
höchster Ruhm gerade unseres geistigen Himmels¬
mehr als 30jährige Dichter Schnitzler kein völlig
Kartousch ist eine lustige Teresina und Rita G
strichs ist. Alles das rechtfertigt es vielleicht, schon
neues Motiv mehr. Sicherlich aber ist ihm ein
eine junge Operettensängerin, eine ganz s#
das Buch in den Kreis dieser Berichte aufzu¬
neues Werk, wenngleich etwa aus den alten Mo¬
spanische Nachtigall. Die Musik von Leo Fa
nehmen.
tiven zusammengesetzt, durchaus und aufs schönste
hört zu dem Besten, Inspiriertesten, was
Es heißt „Der Gang zum Weiher“ und
gelungen. Es sind seherische Verse darin, und es
geschrieben hat. Mit unerhörter Pracht wurd
hat fünf Akte, in Versen. Geschehnisse der großen
ist eine Fülle der Gesichte, die, immer wieder, zum
andere große Premiere, die der „Zirkusprinz
Welt, in die Zeit des Rokoko gekleidet, aber manch¬
Rückblick auf ein Lebenswerk leitet, dessen Reich¬
von Kälman inszeniert: Direktor Marischka
mal so sehr von heute, daß wir ihresgleichen er¬
tum unser ist.
bot sich selbst, und ganz besonders auch als S
lebt zu haben glauben. Da ist ein Kanzler, einst
Wo also wird dieses Drama zuerst aufgeführt?
spieler und Sänger. Die Werke von Fall
mächtig, nun in Unfrieden von seinem Kaiser und
Kälmän sehen langen Serienaufführungen
Herrn enifernt, immer wieder zurückgerufen, aber!
Mit dem Burgtheater=Jubiläum, der Geschichte
gegen.
starrsinnig, bloßer Beobachter, auf seinem Landgut
von hundertfünfzig Jahren, haben wir uns hier
weilend — betreut nur von der unvermählten
bereits befaßt. Franz Herterich ist auf dem berühm¬
In den übrigen Theatern? Pfitzner
Schwester und von seiner längst mutterlosen Toch¬
ten Weg der österreichischen Provisorien tatsächlich
gierte den „Palestrina“ und eine Reprise der „
ter Leonilda. Nicht weit davon ist die Grenze, an der
noch und wieder Direktor, und da es doch am
vom Liebesgarten“ in der Oper, sehr herzlich
dem eigenen Heer das fremde fast schon feindlich ge¬
Burgtheater immer eine „Affäre“ geben muß, gibt
seiert. Der Erfolg von Zuckmayers Rhein#
genübersteht. Jeder Tag kann den Krieg bringen.
es zur Jubiläumszeit eben eine andere. Das
stück „Der fröhliche Weinberg“ bestä
Das Heer und sein Marschall fordern ihn, aber der
Burgtheater wollte mit Ida Roland den Aiglon
sich am Raimund=Theater, ohne daß es zu ##
Kaiser zögert. Auch der Kanzler würde zögern,
von Rostand in der Bearbeitung von Klabund auf¬
welchen Störungen gekommen wäre. Zwei f##
wäre er noch im Amt, würde Frieden gebieten.
führen. Als man unmittelbar vor der Aufführung
zösische Stücke wiederholten ihren Pariser
Der Sohn des Marschalls erscheint als Bote zwi¬
stand, besannen sich einige Pächter der österreichi¬
folg, „Maric oder auf sanfte Art“ von R
schen Heer und Hof, zeigt die Stimmung der Osfi¬
schen Vergangenheit darauf, daß eine solche Auf¬
Marx, deutsch von Bertha Zuckerkandel, ein #
ziere und Soldaten, die schon ungestüm warten,
führung am Burgtheater Gefühle und Gesühlchen! spielsieg der Bürgerlichkeit, Sieg über eine ##
ja mit Meuterei drohen, wenn sie den ersehnten
verletzen könnte. Befremdet fragt man sich, wo¬
die bloß Kollegin, Malerkollegin des Mannes
Befehl nicht bekommen sollten. Noch einmal, in der
durch. Kaiser Franz kommt bei Rostand gar nicht ein schrecklicher Traumichnicht ist; und dann
Stunde der Entscheidung, ruft der Kaiser seinen
so schlecht weg; andere österreichische Dinge erst
neuen Herren“ von Robert de Flers und Fran
alten Kanzler, und diesmal folgt er dem Ruf, ver¬
recht nicht. Nur Graf Ncipperg gilt dort aller¬
de Croisset. Die neuen Herren sind die Re#
handelt mit dem Gesandten des noch nicht feind¬
dings nicht als vollwertiger Nachfolger eines Na=tionäre vom Syndikat, Menschen wie andere
lichen Staates; der Friede scheint gesichert; aber poleon. Sollte man es für möglich halten, daß die einer Frau zuliebe manchmal auch Prinzi