II, Theaterstücke 9, (Der grüne Kakadu. Drei Einakter, 2), Die Gefährtin. Schauspiel in einem Akt (Der Wittwer), Seite 34

box 14/7
n
Gefaehr
D i
9. 2 1 6e en
SAL 19
Drei Stückchen und drei Zeish.
Deutsches Künstlertheaper.
In drei neueinstudierten Einaktern ließ gestern das „Deutsche
Künstlertheater“ ein gut Stück Komödienentwicklung an uns vor¬
überziehen: „Die Gefährtin“, „Die sittliche Forde¬
rung“, Eine Partie Piquetk. — Artbur Schnitzler mit
seiner modernen, wehmütig angehauchten Skepfis, Otto Erich
Hartleben mit seinem lachenden Uebermut von gestern und die
vergessenen französischen Kleinmeister Fournier und Meyer mit
ihrer Geschicklichkeit für das Geradlinige, die uns heute so kindlich
erscheint, und unsern Vorfahren so viel Spaß machte. Und durch
die drei Zeiten hindurchschreitend ein starker Schauspieler von
heute, der sich mit ungewöhnlicher Intuition in Stile, Menschen
und Fiaurinen einlebt. Der hübsch zusammengestellte Einalter¬
abend wurde zum einheitlichen fesselnden Bassermannahend.
Bassermann ist vor allem Persönlichkeitsschauspieler, der in
größen Aufgaben immer neue Seiten seines Naturells offenbart; 3
er hat aber außerdem auch viel von den einst so sehr gefeierten
Verwandlungskünstlern, die in eine Rolle hineinschlüpfen und sich
in ihr, wie in einer Maske fast unkenntlich machen. Beides konnte
er gestern zeigen. In Schnitzlers Einakter „Die Gefährtin“ in
dem ihn die zart gestimmte Frau Unda und der nüchterne Her¬
Grunwald unterstützten, überwog das Element der eigenen Per¬
sönlichkeit: der Ausdruck der Ueberlegenheit, der Menschenkenntnis
und einer Empfindung, die aus verdeckten Tiefen herporbricht. In
Hartlebens keckem Spiel, in dem Frau Bassermann die sieghafte
Heiterkeit des „freien Weibes“ mit bester Laune vertrat, gab der
Künstler eine jener Charakterskizzen, die man ehedem als „Char¬
gen“ bezeichnese, mit vollendeter Meisterschaft. Die völlige Wand¬
esWesens war verblüssend. Kein Zug von Schnitzlers
Forscher in dem drolligen Hartlenschen Philisier
sittlichen Forderung“, in dem sächtelnden Fanatiker der
erlichen Anständigkeit, aus dessen suhalterner Schüch¬
eit und die feige Duldsamkeit hervorbliüzeste.
D
ne köstliche Sative auf Scheinmoral und ver¬
sto
Zum Schluß der altfränkisch feudale, bis zur
Und
ornehme Marquis Rocheferrier, den Basser¬
mann als geringere Kostbarkeit neben dem Ifflandring berühmten
Schauspieler von Friedrich Haase geerbt hat. Haase gab als
Hauptspieler der „Partie Piquet“, mit der er von Stadt zu Stadt
reiste, eine ganz individuell ausgeprägte Filigranarbeit, die un¬
nachahmlich ist. Bassermann legte es auch gar nicht darauf an,
nachzuahmen. Die an ein Uhrwerk erinnernde Präzision, mit der
der einst berühmte Rocheferxier das abgezirkelte Wesen des über¬
empfindlichen Aristolraten vorführte, war nicht seine Sache. Er
brachte nach dieser Seite hin nur Andeutungen, die sich charakie¬
M
A
ristisch von der behaglichen Gutmütigkeit des Gegenspielers, Herrn
Ziemer, abhoben. Aber köstlich, voll Humor war er in der stechen¬
den Art des Hochmuts und im verlegenen Mißtrauen des ge¬
narrten Sonderlings. Das Publikum hatte Vergnügen an den
knappen Zeit= und Menschenbildern und stürmischen Beifall für
den schauspielerischen Helden des Abends.
A. K,
16. JnN. 1918
Datum:
Bassermannsche Kleinkunst.
Einakterabend im Deutschen Künstler=Theater.
Eine psychologische Studie — Humo¬
eine Mumien=Belehunh: das sind die drei
ristische
Aktionen, die jetzt Bassermanu# Kunst in Barnowskys
Filiale am Zoo an einem Abend zusammenfaßt. Im
Stammhaus am Friedrich Karl=Afer wandelt man derweilen
nach Damaskus, und es mag einigermaßen ver¬
wunderlich erscheinen, warum von den Strindberg¬
Prozessionen Bassermann ausgeschlossen bleibt. Oder
will er selbst mit Strindberg nichts zu tun haben?
Jedenfalls: seit der großen Schöpiung des Dehmel¬
schen „Menschenfreundes“, ruht er sich aus und hat in¬
zwischen nur Kleinkunst gebastelt: ein bißchen Schnitzler,
ein bißchen Hartleben und ein bißchen — Fournier.
Schnitzler: „Die Gefährtin“: Hartleben: „Die
sittliche Forderung“ und Fournier — ja, wer
na also, von ihm
kennt diesen alten Antor noch? —
stammt der schon lange vergessene, von Friedrich Haase
hartnäckig galvanisierte Einakter: „Eine Partie
Piquet.“ Der soll schon mit diesem Wandervirtnosen
höchst ledern und langweilig gewirkt haben, und Basser¬
manns Versuch, die Mumie zu beleben, hatte nur sehr
bedingten Teilerfolg. Obwohl er den alten Chevalier,
der bei der Versippung mit dem bürgerlichen Kaufmann
# allem der Gebende, sich Herablassende zu sein glaubt,
gar nicht subtil, sondern recht derb und fest anpackte,
ihn tüchtig rüttelte und schüttelte: Du sollst und mußt
leben! Das tat doch immer nur auf Minuten Wirkung;
dann schlenkerte der Komödiengreis wieder wie ein
Hampelmann, und gar deutlich sah man die Strippe in
Albert Bassermanns emsig arbeitenden Händen.
Da war vorher der Ausflug ins Hunroristische doch
unterhaltsamer. Zwar, ein wenig melancholisch konnte
man schon werden bei der Entdeckung, daß doch des
— wie man einst geglaubt — ewig jungen Otto Erich
Hartleben „Sittliche Forderung“ auch schon recht alt
und blaß und schrumpelig geworden ist. Das ist der
Fluch der Polemik und Tendenz, die auf dem Stückchen
immer etwas zu schwer gelastet, die die frisch=lebendige
Rita Nevera in die bedrohliche Nähe der ge¬
spreizten Sudermannschen Magda gerückt hat. Wenn
Rita anfängt, Tendenzträgerin und Polemikerin zu
werden („Mau muß sittlich sein, weil — sonst die Sitt¬
lichkeit aufhört"), dann hört sie auf, ein lebendiger
Mensch zu sein, und wird eine Mumie wie Fourniers
Chevalier oder wie die pompöse Sudermannsche
freilich, der sie Be¬
Aber
Primadonna.
kehrenwollende und von ihr (durch das Lied
aus „Maniselle Nitouche") Bekehrte, der köst¬
liche Rudolstädter Kaufmann lebt und wird leben
so lange es solche (nicht nur in Kleinstädten ge¬
deihenden) wenig taktfesten sittlichen Forderer gibt.
Bassermann hat bei diesem Ausflug ins Humoristische
seinen ganzen Koffer mit guter Laune vollgepackt und
bietet prächtiges Amüsement nicht nur uns, sondern auch
feiner Galtiu Else, die als Rita durch ihn zu lachtoller
Lustigkeit hingerissen wird.
Der Anfang des Abends gibt uns den Bassermann,
der uns der eigentliche Bassermann ist: den Psycho¬
logen. Die Schlaglichter, die Schnitzler (in der „Ge¬
fährtin") auf eine Ehe wirft, die keine mehr war,
sammelt Bassermann, daß aus den Andeutungen ein
Und durch
rundes tragisches Schicksal wird.
den feuilletonistisch
diese Konzentrierung rückt er
streichelnden Wiener in die nächsie Nachbarschaft
des wollüstig wühlenden Schweden, — von dessen Gang
nach Damaskus er ausgeschlossen ist. Seine starke, viel¬
fältige, jetzt wieder mehr beherrschte, auch im Kleinen
große Kunst ist das einigende Moment des Abends.
Wer die empfänglichen Organe für so fein ziselierende
Schauspielkunst besitzt, kann die Genüsse dieses Abends
mit Behagen schlürfen.