V, Textsammlungen 3, Dämmerseelen. Novellen, Seite 55

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3. Da seeien
städtischen Genußleben abgebrühter Freiherr. In eine
andern Novelle erzählt Schnitzler mit der feierlichsten
Miene eine sonst nur im Zeitalter der Romantik von
den Dichtern gewagte Geschichte einer Weissagung,
die sich an dem Helden in genauester Weise erfüllt und
ihm den Tod bringt. Dabei bringt der Verfasser mit
Von Arthur Schnitzler, dem Verfasser der
der ernsthaftesten Miene alle Zeugnisse für die Wahr¬
heit seiner Geschichte bei. Trotzdem fühlt der Leser,
Liebelei“, des „# „Leutnant Gust!“ wird
han kaum mehr andere als prickelnde und pilante
daß der Dichter selbst uirgends bei der Sache ist und
er glaubt sein spöttisches Augenzwinkern zu sehen. Der
Kektüre erwarten. Zwar geht er in seinem neuesten
Kovellenbändchen „Dämmerseelen“ scheinbar auf morali¬
gespielte Ernst, der sich für Naivität geben will, ist
schen Wegen, indemt von den fünf Erzählungen zwei
nicht einmal Ironie, sondern eine rasfinierte Variation
des Pikanten, um dieses noch pikanter zu machen. Die
nlicht erotischen Charakters sind und er in den drei
andern sich die Miene gibt, als erzähle er die unschul¬
großstädtische Frivolität gefällt sich zur Abwechslung
einmal in der Rolle der Naivität. Erzählt sind diese
digsten Dinge der Welt. So in der Stizze „Andreas
Thameyers letzter Brief“, dem Plaidoyer eines Ehe¬
Geschichten, deren pikanter Reiz stets schon in der
Situation liegt, mit dem sein pointierten Raffinement,
manns für die von den Menschen angezweifelte Treue
seiner Frau. Die eigentümliche Hautfarbe seines neuge¬
das man an Schnitzler kennt. Aber es ist trotzdem
bornen Kindes beweist er mit al'en wissenschaftlichen
eine Art Literatur, die weder erfreulich ist, noch pocti¬
schen Wert hat.
Gründen als die Folge eines „Versehens“ seiner Frau,
die während seiner Abwesenheit einmal im Tiergarten
Non ihrer liederlichen Schwester allein bei den Negern
rassen worden war. Das Unrecht, das die Welt mit
ihrem schnöden Verdacht seinem angebeteten und über
alle Zweisel erhabenen Weibe zufügt, treibt den Ehe¬
mann in den Tod. In einer zweiten Novelle geht
ebenfalls ein blinder Ehemann an der Liebe zu seinem
ungetrenen Weibe, das ihn verlassen, zugrunde; in
einer dritten ist eine dieser hundetrenen Dämmerseelen,
die gegenüber einer ewig ungetreuen Sängerin die
wörtlich die Pointe eines uralten polnisch=jüdischen
Rolle des Grafen von Toggenburg spielt und an dem
Witzes ist, obschon in der Novelle der Held daran
Fluche eines Vorgängers stirdt, ein von dem aro߬
stirbt. Und so sind fast alle fünf Novellen die amü¬
santesten Anekdoten — mit tötlichem Ausgang. Man
sieht, es ist nicht leicht, noch verwegener mit dem
bitersten Ernst des Lebens zu spielen. Und es fordert
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die ganze Meisterschaft Schnitzlers, um so tollkühne
0. 2.
Aufgaben zunächst zu erspüren, sodann sie zu lösen.
Arthur Schsitzler bescheert uns
soeben ein
So zu lösen, daß alle Schauer der Spannung zu¬
neues Werk: „Dämmerseelen“
Novellen
gleich mit der feinsten Freude am ästhetischen Genießen
S. Fischer=Berlin.) Es war von je nur den
ausgelöst werden. Das muß man selbst lesen, um es
wenigsten Künstlern der Wortplastik gegeben, in
für möglich zu halten. Dann aber wird der Eindruck
knappen, anscheinend leicht hingeworfenen Strichen,
eines köstlichen poetischen Gewinnes bleibend sein.
eindrucksvolle Bilder von menschlichem Geschick und
Ein besonderes Wort über die Ausstattung des
Verhängnis, von Seelenzuständen zu zeichnen. Daß
kleinen Bandes. Ist schon im Allgemeinen der Buch¬
Schnitzler unter diesen Wenigen mit besonderen Ehren
einband aus dem Niveau des Handwerkes in das
besteht, ist zunächst der stärkste Eindruck, den wir von
des Kunstgewerbes gestiegen, so
pflegt S. Fischer¬
seinem neuesten Novellenband „Dämmerseelen“
Berlin ihn bis dicht ans Künstlerische zu ühren.
empfangen. Bei näherem Hinhorchen auf den starken,
Fast wie beim Melodram die untermalende Musik
oft fieberhasten, immer nervös erregten Pulsschlag der
das Wort, so „illustriert“ förmlich hier der Einband
einzelnen Dichtungen entdecken wir bald erheblich
durch „ahnende“ Farben= und Stoff=Kombinationen
mehr und Besseres: einen überraschend reichen In¬
den im Titel angedeuteten Inhalt des Buches. In
halt in dieser fein ziselierten Form. Psychologisch
der Tat
die Ausstattung für sich allein lohnt
klar abgetönt klingen alle Saiten jener Empfindungen
schon seinen Besitz und nicht blos für den Bücher¬
an,
die an der Schwelle zwischen bewußtem
freund und den Buchkenner. Der ästhetischen Freude
Erleben und nicht mehr wissendem Grauen dämme¬
daran wird sich Niemand entziehen können.
rungsschwer vorschweben. Die zu jener Unterströmung
Friedrich Stein=Berlin.
im Bewußtsein leiten, welche die dämmernde Menschen¬
seele stärker treibt und bewegt als ihre — sozusagen —
offiziellen Kräfte und Impulse. In allen Erzählungen;
wird diese Unterströmung ausgelöst von etwas Außer¬
ordentlichen, Unerklärlichem, anscheinend Uebersinn¬
lichem, das eines Tages unerwartet in Kontakt mit dem
Alltagsleben tritt und damit die Alltagsseeleder „Helden“
in dämmerdunklem Grauen bis zur Vernichtung verwirrt.
Zum Ausgleich dieser grellen Kontraste läßt Schnitzler
da und dort ein wenig Humor mitspielen. Ein bläßlicher,
etwas blutarmer Humor, ohne befreiende Kraft,
ohne versöhnende Erhöhung
mehr gedacht als
empfunden. Aber das Still=Nachdenksame Schnitzlers,
jenes kritikmüde, anteilwarme Durchschauen dessen,
was sich als die kläglichen Rätsel des Lebens vor
uns auftut, hat sich selten mit seinerer Charakteristik
offentbart als in diesen fünf überaus reizvollen
Novellen. Noch deutlicher wird das schelmische
Behagen des Ironikers an dem Gelingen des
Versuches: aufzudecken, wie anekdotisch im Grunde
genommen das Leben selbst in seiner Tragik
ist. Wie denn auch nachweislich die Pointe seiner
lersten Novelle vom Freiherrn v. Leisenbohg fast wort¬