II, Theaterstücke 23, Der Schleier der Pierrette, Seite 296

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23. Der Schleiender-Pierrette
den Qualen und Wehen des Schaffenden, der
die vielbegehrte „persönliche Note“, so bleibt Regsamkeit. Den Spielplan beherrschte zunächst
Richard Wagner, dessen Bühnenwerke (mit
mit dem Stoff ringt. Vollendet springt aus
uns hier wenigstens auch der Anblick der
Ausnahme des „Rienzi“ und „Parsifal“) in einem
seinem Haupt das Geschöpf wie weiland Pallas
Nervenzuckungen, der Verdrehungen bei einer
wohlgelungenen Zyklus erschienen. „Lohengrin“
Athene aus dem Jupiters in voller Rüstung her¬
Sisyphusarbeit erspart. Und neben dem Kenner
stellten die Berliner Gäste Berger (Lohengrin)
vor. Mit kalter Hand formt und bildet er, unter
des Musikdramas verleugnet sich nicht der
und Hafgren-Waag (Elsa), die „Meistersinger“
dem sicheren Geleit eines Kunstverstandes, der
aus Ungarn stammende naive Musiker: der
die Dresdener Künstler Plaschke (Hans Sachs)
in der Musikliteratur heimisch ist. Von selbst
Walzer profitiert davon, und der dirigierende
und Vogelstrom als Walter Stolzing auf höhere
ergibt sich so ein Hinauswachsen der Form
Komponist wußte — für den Augenblick — zu
Stufe. Unter den Neueinstudierungen:
über den Inhalt. Ist er so dürftig wie in der
zünden. Es ist Zeit, sich von dem Werk zu
„Rigoletto“, „Stumme von Portici“, „Barbier
Spieloper „Tante Simona“, die den Abend er¬
verabschieden. Aber ich darf es nicht tun,
von Bagdad“ und Glucks „Maienkönigin“ hoben
öffnete, dann kann es sogar passieren, daß all¬
ohne der Ausstattungsreize zu gedenken, die
sich die beiden letztgenannten durch vornehme
zuschweres musikdramatisches Geschütz aufge¬
auch an diesem Abend überraschten.
musikalische Gestaltung wirksam hervor. Als
fahren wird und die spielerische Absicht vereitelt.
Dort ein fieberhaftes Streben zu Wagner hin,
beachtliche Neuheiten kamen d’Alberts effekt¬
Aber selbst hier sind Risse nicht wahrzunehmen,
hier, im Königlichen Opernhause, ein
reiche „Liebesketten“, Kienzls „Kuhreigen“
ein Kundiger arbeitet geschickt mit dem durch die
majestätisches (nur durch Kopschs Unkenruf
und der veristische „Schmuck der Madonna“
Vorfahren angehäuften Material. Die Auf¬
gestörtes) Sichversenken in die reiche Wagner¬
heraus, unter denen Wolf-Ferrari’s schwieriges
Fregungen dieser Spieloper, in dem einer milden
erbschaft. Die ächzende Arbeit des Meisters
Werk dank der ausgesprochenen Begabung des
Liebe für alle Lebensaller das Wort geredet
am „Ring“ findet hier ihre Parallele. Ja, das
Kapellmeisters Malata für die moderne Oper
wird, sind auch für höhere Töchter noch zu
ist Stil. Uäser gerechter Unmut über das Hof¬
den besten Eindruck hinterließ, während Curt
ertragen. Weniger für feinere Ohren, denen
bühnentempo wird gedämpft durch eine Neu¬
Ottzenn eine Anzahl Wagner-Opern mit viel
sowohl das Orchester unter Rudolf Krasselt
studierung der „Walküre“, die sehr würdig
Intelligenz und Temperament leitete. Unter den
wie der problematische Gesang der Darsteller
zu nennen ist. Wenn es Wagner gilt, spitzen
Mitgliedern ragte Gerta Barby als bedeutsame
peinliche Augenblicke verursachte. Freilich
wir die Ohren. Wie viel klingt noch in uns an?
Bühnenkünstlerin besonders hervor; wir ver¬
war die geradezu sensationelle Abwesenheit
Das Problem läßt uns den ganzen Abend nicht
lieren sie leider an die Dresdener Hofoper.
von Kantilenen nicht ganz unschuldig daran.
los. Es fesselt uns mindestens so sehr wie
Ausgezeichnet vertrat Lina Böhling das hoch¬
Mizzi Fink vermochte aber wenigstens durch¬
die Aufführung. (Den Niederschlag der zwie¬
dramatische Fach bei Wagner. Ein gediegener
zudringen. Man nennt das Intimität der Wir¬
spältigen Gefühle festzuhalten, würde ein Kapi¬
Baß ist Paul Seebach; in modernen Opern gefällt
kung. Das war ein Moderato; das Allegro
für sich fordern.) Der Hauptreiz dieser
auch der Tenorist Kurt Taucher. Drei Maifest¬
wurde uns im „Schleier der Pierrette“ be¬
Walküre“ liegt im Szenischen und, genauer

spiele unter Mitwirkung Dresdener und Per¬ “
schert, in dem der Mund schwieg, und nur
gesagt, im zweiten Akt. Wie von der Todes¬
liner Opernkräfte beschließen die ertragspeiche
Gliedmaßen und Mienen zu reden hatten: Panto¬
verkündigung an bis zum Walkürenritt (der un¬
Richard Oehmiche
Saison.
mime in drei Akten von Artüntachhizier.
sichtbar bleibt) die Wolken ziehen, sich unheil¬
Es ließe sich eine Wahlverwandtschaft ZWTSEN
voll zusammenballen und die Bühne ins Dunkel
dem Dichter, dem immer formvollendeten, und
tauchen, das ist groß, ja nicht zu überbieten.
dem Musiker entdecken. Nur daß eben Musik
Wir vergessen darüber mancherlei weniger Ge¬
als Sprache der Seele ihren Wert da verliert,
glücktes wie das durch einen Vorhang gezähmte
wo die Wortkunst eines geistreichen Menschen
Ungestüm der Tür im ersten Akt, das Roß des
uns noch immer im Banne hält. Nimmt man
Wotan und den allzuwenig imposanten Wal¬
die geistige Enge des Musikers hinzu, so springt
kürenfelsen, Ich versuche ganz wagnerisch zu#
die Überlegenheit des Dichters heraus. Hier
empfinden. Da erscheint mir als idealer Voll¬
hat er aus seiner schönen Renaissanceballade
strecker seines Willens Paul Knüpfer, der
„Der Schleier der Beatrice“ ein stummes Spiel
Hunding, fest umrissen, groß und vornehm im
gemacht. Im Grunde sind mir Pantomimen mit
Klang, scharf im Akzent, in jeder Silbe ver¬
Musik unbehaglich. Aber man mochte diesmal
ständlich. An dieses Maß reicht keiner heran;
das Pantomimische als eine Radikalkur betrach¬
der Wotan Baptist Hoffmanns, musikalisch
#ten, nachdem man eben fast nur unartikulierte
sicher, doch klein an Wuchs, braucht sich
n diesem
Lauts aufgefangen hatte. Hier läßt die Hand¬
in seinem Pantoffelheldentum glücklicherweise
tunserer
lung an Deutlichkeif nichts zu wünschen übrig.
nicht gegen eine junonische, sondern nur gegen
Wagner
Sie ist kinereif. Aber die arme Pierrette, die
eine gut bürgerliche Fricka zu behaupten: es
hundert von dem Bräutigam Arlecchino in den Wahn¬
ist die Arndt-Ober, an deren prächtigem Stimm¬
hrhundert
sinn getrieben wird, diese in den Tod tanzende
klang man seine Freude hat. Sieglinde ist durch
e Opern- Pierrette könnte eine leise Erschütterung auch
Lilli Hafgren-Waag angenehm verniedlicht,
ersetzen. bei feiner Empfindenden hervorrufen. Hier hätte
und der Walküre nimmt Frau Kurt zwar die
Ernhaus die unbeschreibliche Anmut, die mimische Aus¬
Reize des dritten Geschlechts, wahrt ihr aber
hbis zu drucksfahigkeit und die musikalische Rhythmik
dlie des zweiten sehr nachdrücklich mit einem
dann an einer Pawlowa ein kleines Wunder schaffen
schönen Zusammenklang von Können, Stimme;
Zu den können, wo Elsa Galafrès uns bei einer acht¬
und Weichheit. Das alles ist nicht monumen¬
uch ein baren Leistung mit ihren stercotypen Gesten
tal, aber durchaus annehmbar und im Sinne
n. Ein¬
einen Teil der Psychologie schuldig blieb. Der
Lco Blechs, der die granitene Plastik und
raktisch; frühe Tod des Pierrot — Einar Linden — war
Breite der Feinheit und Beweglichkeit opfert.
kräftiges
schon darum zu bedauern, weil er den inter¬
Unmöglich nur ist der Siegmund Bergers.
aare zu
essanteren Künstler fr diesen Abend aus dem
Dieser Tenor, den ich als Bariton schätzte, be¬
Der be¬
Bühnendasein abberief. Hier stieg übrigens
reitet mir physische Schmerzen von der ersten
st haben
Dohnánvi zu einer gewissen Höhe auf. Man
Note an; die schlimmsten, wo er lyrisch,
keit und
verachte sie nicht, die leichte Hand, die virtuos
geringere, wo er heldenhaft ist. Und dabei ge¬
unlichen
Farben mischt, immer die Anschlüsse findet;
stehen zu müssen, daß dieser Gewaltakt von
die vul
nicht den beweglichen musikalischen Geist, der 77
langer Hand vorbereitet und sorgsam durchge¬
klungen.
Adolf Weißmann
mit starker Beherrschung das Wirksame au߬
führt war.
ht unter greift und das Triviale meidet. Fehlt zuleczt
JHENNITZ: Die zweite Hälfte des Musik¬
* wilders sah unsere Bühne in erfreulicher