V, Textsammlungen 3, Dämmerseelen. Novellen, Seite 7

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3. Daehnersselen
Stimmung festzuhalten vermag, das können wir auch an wahrt hatte, und warum sie dann die Seine geworden!
dem „Neuen Lied“ und an andern Stücken der neuen war, bevor sie den nordischen Sänger beglückte. „Der erste,
Neues von Bismarck in
Novellensammlung bewundern. Am deutlichsten fällt es uns der diese Lippen küßt, diesen Leib umfängt nach mir, soll
vielleicht in der „Weissagung“ auf. Aber am kunstvollsten
in die Hölle fahren!“ Mit diesem schrecklichen Fluch war
Von Heinrich v.
ist es wohl in der Erzählung von dem „Schicksal des
der Fürst in den Armen des geliebten Weibes gestorben.
Am 6. Mai werden es sech
Freiherrn v. Leisenbohg“ gemacht. Das ist überhaupt eine
Und darum war sie in jener Nacht des Freiherrn ge¬
Otto v. Bismarck in den di
gar köstliche „Schicksalstragödie". Eine Geschichte, in der
worden, damit der andere, den sie liebte, nicht des Teufels
getreten ist. Was immer Große
wir bei der Nachricht von dem Tode eines Menschen laut
würde. Jener war das Opfer gewesen, mit dem sie diesen!
nennung zum Minister und Re
auflachen müssen. Eines Menschen noch dazu, den der
entsühnt hatte. Wie der Sänger, dem die Freundin in dem
die in Frankfurt zugebrachten
Dichter vom ersten Anfang an mit einer gewissen Sym¬
Wahne, daß er noch zu retten wäre, von diesem Fluche
die interessantesten seines Leben
pathie und Hochachtung behandelt hat, wenn auch immer
warnend Mitteilung macht, entsetzt fliehen will, da eröffnet
vom alten Bundestag aus an
als Unterton eine leise mitschwingende Ironie ver¬
ihm Kläre, wie sie ihn geliebt und welches Opfer sie für
nohmbar ist.
sind, was Lebendigkeit, Scharft
ihn gebracht habe. Aber der Sänger fürchtet, sie habe das
unübertroffen.
Standhaft hat der Freiherr sich durch Jahre um die
nur zu seinem Troste ersonnen, und so kommt er auf die
Die nachfolgenden Auszüge
Gunst der berühmten Sängerin Kläre Hell bemüht. Ge¬
„ingeniöse Idee“, den Freiherrn zu sich in seine Heimat
unveröffentlichten Korrespondenz
duldig hat er ihr immer zur Seite gestanden, als Freund,
zu entbieten und ihm die Geschichte von des Fürsten
Diplomaten entnommen, den e
sich stets ritterlich für sie frei haltend, daß er bereit sei,
Fluch zu erzählen. Und der edle Freiherr hört diese Geschichte
fleißig auf dem Laufenden erhin
wenn seine Zeit käme. Und so ost hatte er schon geglaubt,
mit wachsendem Entsetzen, und dann fällt er lautlos vom
er sich kein Blatt vor den Mun
numsei seine Stunde da. Jedesmal, so oft ein Beglückter
Stuhle und ist tot. Der Sänger aber kann nun Kläre
da das beiderseitige Verhältnis
hatte abtreten müssen. Aber jedesmal war dem Freiherrn
verzeihen, daß sie trotz des Fluches seines Vorgängers die
beruhte. Bismarck wußte, daß e
Seine geworden ist.
im letzten Augenolicke doch ein anderer zuvorgekommen.
Indiskretionen zu befürchten hat
Nur dem Fürsten Richard Bedenbruck, der vom Pferde
Noch nie hat man wohl über den Tod eines Menschen
gestürzt und in den Armen Kläres gestorben war, war
private und politische Fragen un
so herzlich lachen können, wie über den des braven Frei¬
zunächst kein anderer gefolgt. Freilich auch der Freiherr
kommene Ergänzung meines A
herrn
v. Leisenbohg. Freilich auch „Andreas Thamayer“
v. Leisenbohg nicht.
Bundestag“. Da alle in Betrach
und Albert, der Held der Novellette „Die Fremde“, sterben
Kläres Schmerz war zu tief, ihre Trauer um den Ver¬
längst das Zeitliche gesegnet ha
an einem Wahn, der uns lächeln macht; und doch können
lornen zu andauernd. Von zärtlichen Beziehungen konnte
mit der Publikation irgendwo
wir nicht lachen, da sie sterben, denn der Dichter führt
sie nicht einmal reden hören, ohne die Erzählung mit einer
und man kann sich daher ganz
uns mit sicherer Hand dazu, daß wir Mitgefühl mit ihnen
abwehrenden Handbewegung zu begleiten. Nur diese ab¬
geben, den Begründer des Deu
empfinden, wenn sie ihrer uns komisch anmutenden
weisende Handbewegung unterließ sie, als nach einiger
Lehrjahren plaudern zu hören.
Schwäche unterliegen. Mit derselben Sicherheit aber zwingt
Zeit ein norwegischer Tenor, der ein Gaspiel an der Oper
Wiederholt entschuldigte sich
er uns den Tod des Freiherrn v. Leisenbohg als eine
absolvierte, ihr aus seiner Vergangenheit erzählte. Das war
Freunde, daß er denselben
*..
sehr lustige Sache anzusehen, obwohl er eigentlich keiner
das einzige Zugeständnis, das sie dem Interesse machte,
schweifungen“ behelligte und
anderen Schwäche zum Opfer gefallen ist, als Andreas
das sie seiner Kunst offenbar entgegenbrachte. Und noch
Mangel an Arbeit gesteigerten
Thameyer und Albert: der Schwäche der Männer, an die
etwas machte den Freiherrn stutzig. Kläres Freundin ver¬
lange Briese schrieb. Seine „breit
Frauen zu glauben.
liebte sich in den nordischen Sänger, und dieser faßte eine
ihm beschämend und er wollte, se
freundschaftliche Zuneigung für ihn. Und das war noch
„lediglich mit dem Maße einer
Es könnte einem vielleicht auffallen, daß jede der
das Schicksal aller derer gewesen, denen Kläre Hell liebend
tisch“ gemessen werden. In eine
fünf Novellen von den „Dämmerseelen“ in einen Todes¬
erlegen war.
dauert Bismarck wiederum, die
fall ausläuft. Aber schließt nicht das Leben eines jeden
Und doch war jetzt des Freiherrn Stunde gekommen.
mit „Salonklatscherei“ so sehr in
von uns auch mit einem Todesfall? Doch etwas andres
Nach einem Abschiedssouper, das sie dem fremden Gast
scheint mit charakteristisch zu sein, für vier wenigstens von
haben. „Fürchten Sie nicht, de
gegeben hatte, hatte sie ihm zugeflüstert: „Kommen Sie
den fünf Geschichten, die uns der Dichter in den „Dämmer¬
jedesmal in dieser Ausdehnung
wieder, in einer Stunde erwarte ich Sie.“ Und als er
seelen“ bietet. Es ist der Gedanke von der unendlichen
werde, zumal mein Schreiblehren
dann wiedergekommen und beseligt von ihr gegangen war,
Dummheit, die den Mann befällt, wenn er liebend einer
meiner Handschrift wenig Ehre e
da hatte er gemeint, sie habe wohl schon in jedem seiner
Frau gegenübersteht. Der eine ist nur rührend dumm, der
Stelle spricht Bismarck von einen
Vorgänger eigentlich nur ihn geliebt, und sie werde nun
andere aber aufreizend dumm. Das ist der ganze Unter¬
Gegenstände“, die er in seinen B
ihm gehören für immer, ihm allein. Und am nächsten
schied. Aber dumm sind wir alle. Die einen sterben
Zunächst einige Charakteristik
Morgen war sie spurlos verschwunden, war weggereist mit
zufällig dabei. Und die andern sind so glücklich dabei — so
Frankfurter Kollegen. Nicht sehr
ihrer Freundin.
lange sie dumm bleiben. Aber schließlich ist ja das eine
die beiden österreichischen Präsidi
Und dann kam auch der Tag, wo ihm klar wurde, genau so viel wert wie das andere; es kommt doch und Freiherr Prokesch=Osten weg.
warum Kläre Hell so lange einem Toten die Treue be= zuletzt auf des gleiche hinaus.
dem Jahre 1851 bemerkte Bisma