V, Textsammlungen 3, Dämmerseelen. Novellen, Seite 17

sene
liches Grauen empfand, auf ihre spurtos berschloll
riechen mit Behagen und Verständnis.
dene Schwester. Schließlich ging sie ohne ihre Schwe¬
Da kommt eine schwere Erkrankung der Sängerin
ster nach Hause.
dazwischen. Marie, die lange zwischen Tod und Leben
Soweit wäre alles ja ganz gut und harmlos ge¬
schwebt, wird zwar gesund, aber ist infolge ihrer Krank¬
wesen, wenn Aennchen nicht nun nach vierjähriger
heit erblindet.
kinderloser Ehe auf Grund ihres einmaligen Besuches
Wenn Karl nun ein Liebhaber, wie er in den
des Negerlagers ihrem überraschten Gatten das omi
Marlittschen Romanen vorkommt, wäre, so hätte er
nöse Negerkindchen geboren hätte
das unglückliche Mariechen durch verdoppelte Liebe
Wie schon gesagt, der brave Andreas Thameyer
trösten müssen. Doch Karl ist kein solcher Liebhaber.
ließ sich durch dies merkwürdige Naturspiel keines¬
Vielmehr ist ihm das körperliche Gebrechen seiner Ge¬
wegs an der ehelichen Treue seines Aennchens irre
liebten so peinlich, daß er sich nicht entschließen kann,
machen. Aber die böse Welt, die ja bekanntlich dem
sie aufzusuchen. Daher kommt ihm das Ersuchen seines
Wunderglauben wenig zugänglich ist, zischelte und
Vaters, sich auf eine Geschäftsreise zu begeben, sehr
tuschelte sich sehr realistische Erklärungen über dies
gelegen.
angebliche Naturspiel in die Ohren. Selbst die eigene
Da nun aber in dieser besten aller Welten nichts
Mutter Thameyers hatte ihrem Sohne, als sie die
ewig währt, so muß naturgemäß auch eine Geschäfts¬
schwarze Bescherung in der Wiege liegen sah, verständ¬
reise mal ein Ende haben. Als Karl von seiner
nisinnig und in stillem Mitleid die Hand gedrückt.
Geschäftsreise zurückgekehrt ist, zieht es ihn doch mit
Neger¬
Der arme Thameyer, der die Geburt des
magischer Gewalt in das Musikrestaurant, in dem das
kindes auf das sogenannte „Versehen der schwangeren
nun erblindete Mariechen ihre Sangeskunst ausübt.
Frauen“ zurückführt, hat sich zur Stärkung des Glau¬
Aber er bittet den Kapellmeister, der blinden Sän¬
bens an seine Frau sehr intensiv mit der Fachliteratur
gerin nichts von seiner Anwesenheit zu sagen.
über dies „Versehen“, beschäftigt.
Mariechen tritt auf, und singt das neue Lied, das
In seinem letzten Briefe teilt er zur Rechtfertigung
der Kapellmeister extra für die Erblindete gedichtet
der ehelichen Treue seiner Frau mehrere Fälle solcher
und in Musik gesetzt hat:
„Wie wunderschön war es doch früher auf der
merkwürdiger Geburten mit.
Welt, — Wo die Sonn' mir hat g'schienen auf Wald
Hören wir also und — staunen:
und auf Feld, — Wo i Sonntag mit mein' Schatz
... Die Geschichte, die mir am wichtigsten erscheint
spaziert bin aufs Land — Und er hat mich aus Lieb'
und an der zu zweifeln kein vernünftiger Anlaß
Jetzt geh mir die
nur geführt bei der Hand. —
vorliegt, wird von Heliodor in den „Libri aethiopi¬
Sonn' nimmer auf und die Stern', — Und das Glück
corum“ berichtet. Diesem geschätzten Autor nach hat
und die Liebe, die sind mir so fern! — O Gott, wie
die Königin Persina nach zehnjähriger kinderloser Ehe
bitter ist mir das gescheh'n, — daß ich nimmer soll
ihrem Gatten, dem Aethioperkönig Hydaspes, eine
den Frühling seh'n...
weiße Tochter geboren, die sie aus Angst vor dem
Der seelenvolle, schwermütige Vortrag des Liedes
voraussichtlichen Zorn ihres Gemahls gleich nach der
macht auf Karl einen großen Eindruck; aber trotzdem
Geburt aussetzen ließ. Doch gab sie ihr einen Gürtel
kann er es nicht über sich gewinnen, mit dem blinden
mit, auf dem der wahre Grund des verhängnisvollen.
Mädchen, in dessen klare Augen er früher so gern
Zufalls angegeben war: im Garten des königlichen
seinen Blick versenkt hat, zusammenzutreffen. Doch
Palastes, wo die Königin die Umarmungen ihres
Mariechen ist bereits durch die Schwatzhaftigkeit des
schwarzen Ehegemahls empfing, waren herrliche Mar¬
Klowns der Gesellschaft von der Anwesenheit des
morstatnen griechischer Götter und Göttinnen aufge¬
Geliebten benachrichtigt. So kann es denn Karl nicht
stellt gewesen, auf die Persina ihre entzückten Blicke
mehr vermeiden, nach Schluß der Vorstellung mit der
gerichtet hatte. — Aber noch weiter geht die Macht
Gesellschaft nach früherer gewohnter Weise ein paar
des Geistes, und nicht nur Abergläubische oder Un¬
Stündchen zusammenzusitzen.
gebildete huldigen dieser Anschauung, wie die fol¬
Mariechen erscheint, von ihrer Mutter geführt, an
gende Geschichte beweist, die sich im Jahre 1637 in
dem Tisch, da Karl Platz genommen hat, und setzt sich
Frankreich zutrug. Dortselbst gebar ein Weib nach
vierjähriger Abwesenheit ihres Gatten einen Knaben
neben ihn.
Doch geben wir bei der nun; folgenden psychologisch
und schwor, daß sie in der entsprechenden Zeit vorher
interessanten Situation dem Dichter selber das Wort:
mit der vollkommendsten Lebhaftigkeit von der in¬
...Und nun, im Lärm und Trubel ringsum, war
brünstigen Umarmung ihres Gatten geträumt hatte.
Marie ganz nah an Karl gerückt, gerade so wie manch¬
Die Aerzte und Wehefrauen von Montpellier er¬
mal in früherer Zeit, so daß er die Wärme ihres
klärten eidlich die Tatsache für möglich, und der Ge¬
Körpers spürte. Und plötzlich fühlte er gar, wie sie
seine Hand berührte und streichelte, ohne daß sie ein richtshof von Havre sprach dem Kinde alle Rechte
Wort dazu sprach. Nun hätte er so gern etwas zu der legitimen Geburt zu ...
Wie man sieht, hat der gute Andreas Thameyer
ihr gesagt... irgend was Liebes, Tröstendes — aber
einen Glauben, um den ihn selbst das allerharm¬
er konnte nicht... Er schaute sie von der Seite an,
loseste und einfältigste Kindergemüt beneiden kann.
und wieder war ihm, als sähe ihn aus ihren Augen
Allerdings pflegt im allgemeinen „der Glaube selig
etwas an; aber nicht ein Menschenblick, sondern etwas
zu machen“ den guten Andreas aber treibt sein
Unheimliches, Fremdes, das er früher nicht gekannt
Glaube in den Tod: Nachdem er seine „wissenschaft¬
und es erfaßte ihn ein Grauen, als wenn ein Ge¬
liche“ Rechtfertigung für den schwarzen Inzibent seines
spenst neben ihm säße... Ihre Hand bebte und ent¬
Aennchens niedergeschrieben hat, schleicht er behutsam
fernte sich sachte von der seinen, und sie sagte leise:
in das „keusche“ Schlafgemach seines Weibes, drückt
„Warum hast Du denn Angst? Ich bin ja dieselbe.“
dem weißen Aennchen und dem kleinen schwarzen Un¬
Er vermochte wieder nicht zu antworten und redete
getüm einen Kuß auf die Lippen, und geht, mit
gleich mit den anderen...
dem Bewußtsein, eine gute und notwendige Tat zu
Während Karl krampfhaft mit den anderen redet,
tun, für die Ehre seiner Frau in den Tod. —
hat sich die Blinde, von niemandem bemerkt, still
Auch in dieser Novelle beweist sich Arthur Schnitz¬
von dem Tisch entfernt. Erst nach längerer Zeit fällt
ler als einen Dichter, der es nicht nötig hat, seine
der lärmenden und lustigen Gesellschaft die Abwesen¬
Zuflucht zu irgendeinem alltäglichen Stoff zu nehmen.
heit Mariechens auf. Man eilt, um sie zu suchen.
Der Glaube des Mannes an seine Frau! — ein in¬
Doch es ist bereits zu spät: Man findet sie auf dem
teressantes und für uns moderne Skeptiker aktuelles
Hof mit zerschmettertem Schädel liegend. -
Thema.
Was Schnitzler uns in dieser stimmungsvollen No¬
Ein geistig wenig hochstehender Mann — wie er in
velle schildert, ist reich an feinsinniger psychologischer
Andreas Thameyer geschildert wird — nimmt beim
Beobachtung.
Zweifel an der ehelichen Treue seiner Frau seine
Der in der Psychologie Unbewanderte wird zwar
Zuflucht zu dem Wunderglauben. Das ist durchaus
sagen, daß der Dichter uns in Karl einen gefühl¬
nicht so absurd, wie es auf den ersten Blick scheinen
losen jungen Mann, wie deren ungezählte in der
mag.
Welt herumlaufen, vor Augen gestellt hat. Aber das
Ist doch auch jede Religion für den Durchschnitts¬
gerade Gegenteil davon ist der Fall. Denn gerade
menschen im letzten und tiefsten Grunde nur darum
der sensible Mann wird ein körperliches Gebrechen
das trostreiche Allheilmittel, weil die Religion mit
an seiner Geliebten am peinlichsten empfinden.
ihren schönen Wundererzählungen das Unmögliche als
Der sensible Mann idealisiert seine Geliebte; in
das Mögliche vorzaubert.
seinen Augen ist die Geliebte stets das Ideal weib¬
Der geistig hochstehende Mensch freilich hat es schon
licher Anmut; die Seele des Weibes spricht zu dem
längst erkannt, daß jeder Glaube auf einem realeren
sensibeln Mann in der Schönheit der Körperformen
Grunde, als dem Wunderglauben basiert sein muß.
und im Charme des Gesichtsausdrucks.
Was in sonderheit den Glauben des geistig hoch¬
Noch neulich erörterte ich, ohne die Schnitzlersche
stehenden Mannes an seine Frau anlangt, so wird
Novelle zu kennen. in meinem Innern das Pro¬
dieser Glaube sich nicht auf abstrakte Ideen von der
blem, das Schnitzler hier aufrollt.
ehelichen Treue, sondern nur auf die zwischen Mann
Ich saß in einer Gesellschaft neben einer jungen
und Weib bestehende körperliche und selische Harmonie#
Künstlerin, deren wunderbar schöne Augen jedem sen¬
gründen dürfen. — Fehlt diese Harmonie, so sind alle
sibeln Manne zum Verhängnis werden müssen. Wäh¬
rend ich mit der jungen Dame eine sogenannte ge= Voraussetzungen für die eheliche Untreue gegeben. ##
Das mag hart klingen, aber wahr ist es docht
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*) S. Fischer, Verlag, Berlin, 1907 (132 S.).
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