V, Textsammlungen 18, Die kleine Komödie, Seite 7

Tod die Rede. Zum Schicksal Schnitzlers gehört es,
zwischen Echt und Unecht keinen Unterschied finden.
dieses Leben, er weiß, er fühlt das, genau
daß er immer wieder Dinge, Handlungen, Vorfälle,
Von den Architekten der Stadterweiterungsepisode
wie an Qual. Sein Trieb, Erkenntnisse zu
Katastrophen ersinnt und darstellt, die ihm später auf
wurden Antike, Gotik, Renaissance als Stilvorbilder
fesselt ihn an die Wissenschaft, tiefes Er¬
irgendeine abgewandelte Weise selbst zustoßen. Als
gebraucht. In der Literatur bewundert man Georg
ht ihn an die Krankenbetten, dazu schüttelt;
habe seine ahnende Seele diese Konflikte voraus¬
Ebers, Julius Wolf, Friedrich Halm. Ein Echo dieser
Piderwille gegen aufgezwungene Pflichten
geahnt, als habe sie wie unter einem geheimnisvollen
Zeit hörte ich jetzt noch in mittleren Provinzstädten
leidenschaftliche Sehnsucht, Phantasie und
Zwang beständig um dieses trauerbeschattete Gefilde
Amerikas, wo sich schöngeistige Zirkel vor Ebers und
chtum mit fort zu seiner einzig wahren
kreisend geschwebt. Auch wiederholt sich im Laufe
Halm als vor den höchsten Gipfeln deutscher Poesie
ing.
seiner Jugend die Schmerzlichkeit, daß Menschen, die
anbetend verbeugen. Das beweist die Dauerkraft
ihm sehr nahe standen, seine besten Erfolge nicht er¬
jener billigen goldschnittumschimmerten Flachheiten,
leben. Wie sein Vater stirbt, kurz bevor „Liebelei“
die übrigens durch den Kitschgeschmack des Films
hanz wenige Freunde hat er unter den
aufgeführt wird und den Dichter zur Anerkennung
Unterstützung erhalten. Emile Zola, der Homer seines
Wenn Altersgenossen, Studienkollegen von
emporsteigen läßt, verliert Arthur Schnitzler ein ge¬
Zeitalters, galt für einen verdammenswerten Autor,
schmunzeln sie, nachsichtig oder spöttisch,
liebtes Mädchen, ein paar Tage, ehe er mit dem Grill¬
der im Schmutz wühlt, Guy de Maupassant, der
literarischen Bestrebungen. Im Kreis der
parzer=Preis ausgezeichnet wird. Sie war ein pracht¬
Meister kurzer Novellen, für einen Erzähler schlüpf¬
eht er besorgte, ängstliche Mienen, hört
volles Geschöpf, ganz einfach, strahlend in Blondheit,
riger Geschichten. Tolstoi, Dostojewskij wurden
Ermahnungen. Er nimmt das geduldig hin,
in schlichter Anmut und in stillem, frohem, zärtlichem
kaum gelesen. Henrik Ibsens Dramen wirkten wie
die mißbilligende Schärfe des Vaters ge¬
Verstehen. Der reichen, übermütigen Gesellschaft, in
ber der Zustand ist keineswegs angenehm.
Bombenattentate. Lieber Himmel, wie hat man die
deren Salons der jugendliche Schnitzler verhöhnt und
nenthal, dem Hause des Professors Schnitz¬
Literaturrevolutionäre beschimpft. Schnitzler gehört
verwöhnt wurde, war sie fremd, war das Kind einer
reundet, stützt die Opposition gegen Arthurs
zu den jungen Dichtern, die den Verfolgungen am
gutbürgerlichen, bescheidenen Familie. Binnen zweier
meisten ausgesetzt waren, gehört auch zu den jungen
Erei spricht mit dem seither hinlänglich
Tage riß tück che Krankheit dieses Mädchen, das ein
wordenen Brief ein geradezu vernichtendes
Führern, die sich mit den Gegnern ganz ernsthaft aus¬
Bild blühender, scheinbar unzerstörbarer Gesundheit
Später bekehrt sich
einandersetzten. Es gab heftige Debatten, manchmal,
Gar kein Talent!“
war, ins Grab Am Tag nach ihrer Bestattung erhielt
l herzlich zu Arthur Schnitzler spielt in
bei denen aber Schnitzler stets Maß hielt, stets die
Schnitzler die Nachricht, man habe ihm den Grill¬
Grenzen der Höflichkeit wahrte, obschon seine Ant¬
den alten Weyring. Doch der Vater
parzer=Preis zugesprochen, und brach bei den ersten
erlebt den Erfolg des Sohnes nicht mehr.
worten schlagfertig, ja oft genug, ihrem Inhalt nach,
Worten in lautes, fassungsloses Schluchzen aus. In
vernichtend waren. Polemisiert, in Artikeln oder sonst
Tod rafft ihn hinweg, kurz vor der
der legendenhaften Erzählung „Um eine Stunde“ =
in öffentlichen Erklärungen, hat er allerdings kein
von „Liebelei“.
schwingt ein Echo dieses tragischen Ereignisses. Einige
einziges Mal. Heftig konnte er nur sein, wenn große
khin sind noch etliche Jahre zu durchmessen.
Jahre mußten vergehen, bis dieser Schlag halbwegs
Künstler, die er verehrte, beschimpft wurden. Empfind¬
chnitzler glänzt in der großbürgerlichen
überwunden werden konnte, lange Jahre brauchte es,
lich gegen Angriffe, die ihm selbst und seinem Werk
esellschaft, deren Frauen und Mädchen ihn
bis Schnitzler in einem neuen Bund Beschwichtigung
galten, war Arthur Schnitzler allerdings von Jugend
n, deren Männer ihn verhöhnen. Er geht
zu finden vermochte.
an sein ganzes Leben hindurch. Aber dieses Emp¬
chen Beruf nach, der ihn peinigt. Und er
Erinnert man sich des Humors, den Schnitzler so
findlichsein entsprang keineswegs banaler Eitelkeit.
eit wenn er mit einem geliebten Mädchen
reichlich und so erfrischend besessen hat, denkt man
Im Gegenteil, es schien eigentlich seltsam, wie gar
ist, oder wenn er musiziert, oder in an¬
seiner fast kindlich naiven Sinnenfreude, seines ge¬
nicht er selbst für sich oder mit dieser gekränkten per¬
Gespräch mit jungen Schriftstellern. Da
legentlichen Uebermutes, der freilich nur selten, dann
sönlichen Eitelkeit an diesem empfindlichen Zucken
sich auf. Da bricht der große Ernst, bricht
aber hinreißend aufschäumen konnte, besinnt man sich
beteiligt war. Ihn verletzte das Dreinreden offen¬
äingte Heiterkeit seines Wesens hervor. In
der ungeheuren Einfallsfülle humorig, blitzender
kundigen Unverstandes, dreister Ahnungslosigkeit,
kion der Zeitschrift „An der schönen blauen
Sentenzen und Situationen, die ihm zuströmte, dann
blinder Parteiwut in die Angelegenheiten der Kunst.
sitzt Paul Goldmann und leistet der
glaubt man, er war zur Heiterkeit geschaffen. Liest
Die moralisierende Heuchelei, die sich zu Urteils¬
n Revolution die zum vollen Ausbruch ge¬
man in dem jetzt vorliegenden Band die Titelnovelle
sprüchen erkühnte, schnitt mit grellem Mißton in sein
tach Kräften Vorschub. Als einer der ersten
oder „Er wartet auf den vazierenden Gott“ oder
freies Menschentum, in seinen ehrfürchtigen, gewissen¬
das Dichtertum Schnitzlers, versteht und
„Welch eine Melodie“ oder die ins Groteske spielende
haften Künstlersinn, wie etwa sein musikalisches Gefühl
die funkelnden Geistesgaben dieses jungen
Geschichte „Wohltaten, still und rein gegeben“ oder
unter Tellerkratzen gelitten hätte.
Merkwürdig erscheint heute diese ferne
gar „Exzentrik“, festigt sich die Meinung, hier sei ein
nfänge, die sich dem letzten Ausklingen einer
Dichter gewesen mit der Gabe begnadigt, alles
In vielen Novellen, die dieser nachgelassene Band
bichtung mengt, um sie bald gänzlich ab¬
Schwere, alles Trübselige in die Höhensonne des
jetzt bringt, sterben die Hauptpersonen oder es sterben
Merkwürdig und fast erheiternd die Kämpfe,
Lächelns zu erheben. Eines von Schnitzlers Meister¬
Menschen, die durch ihren Hingang das Leben der
sermaßen in der Morgendämmerung mit
werken das jetzt in Paris den stürmischen Frohsinn
Hauptverionen vom Grund auf verwandeln. In fast
btlichen Spuk geführt werden mußten. Der
Geschmack war verweichlicht, konnte allen Novellen, ganz wenige ausgenommen, ist vom I aller Verstehenden erregt, die Szenenfolge „Reigen“.
zeugt für ein Lustspieltalent vom Format des Aristo¬
phanes. Doch die Hand der Vorsehung, die das
Werden Schnitzlers gelenkt hat, bestimmte es anders.
Sein Blick war auf Elend, Krankheit und Tod ge¬
richtet durch das ärztliche Studium, das tief in seinem
Herzen Mitfühlen wachrief, das seine Fröhlichkeit oft
und oft dämpfte. Sein Hinwandeln zwischen hellstem
Glanz und traurigsten Nachtseiten des Daseins gab der
Schwermut Anlaß über Anlaß, der Neigung zur
Melancholie, die in der Seele jedes Dichters schlum¬
mert, auch des Dichters, dessen Natur von Humor ge¬
segnet ist. Dann haben Schnitzlers persönliche Schick¬
sale das übrige getan.
So war in Arthur Schnitzler eine kostbare
Mischung vollendet: Tragik, Humor, Ernst, Witz und
tieferes Bebeuten. Dieses Dichterwesen in seiner
herbsüßen Art, in seinem würzigen Gehalt, in seinem
Wechsel von Trauer und Gelächter, in seinen Ueber¬
gängen aus Dur in Moll, stellt eine Einmaligkeit dar,
der man sich nicht entziehen kann und deren persön¬
liche Wirkung keiner je vergessen wird, der sie er¬
fahren durfte. Schnitzlers Phantasie sprudelte uner¬
schöpfliche Stoffe, Entwürfe, Pläue zutage. Wie oft,
wie sehr oft kam er und sagte mit einer komischen, mit
einer schalkhaften Miene: „Mir ist schon wieder ein
Lustspiel eingefallen ...“ Er zögerte, brach in helles
Lachen aus und berichtete sodann voll Ergötzen:
„. aber der Held wird ermordet!“ Wie oft kreuzte
er in selbstironischer Ratlosigkeit die Hände, griff mit
der Rechten das Gelent der Linken, eine Gebärde, die
ihm eigentümlich war, und rief: „Was soll ich an¬
fangen? Meine Lustspielpersonen nehmen alle ein
schreckliches Ende!“ Und schien gar nicht zu wissen,
wie unentrinnbar er einem Schicksal verknupft blieb,
das stärker war als er. Oder wußte er es doch? Dieser
wunderbare, innerlich reine und adelige Mensch, dessen
Nähe so viel Beglückung spendete, dessen Verlust so
schwer zu tragen ist, lebt mit allen Elementen seines
Werdens, seines Schaffens in dem Buche wieder auf,
das wir jetzt besitzen.
Dieses Buch ermöglicht allen, die Schnitzler
nicht persönlich kannten, ihm näher zu kommen,
gibt allen, die ihn erlebt haben, Aufschlüsse zu
seinem Gedächtnis, das immer lebendiger und leuch¬
tender wird. Er hat mehr gewußt, Arthur Schnitzler,
als die Leser gewöhnlich merken. Sein Verhältnis
zum Dasein, dieses erst nur ahnende, später ganz be¬
wußte freie, tapfere und ernste Ringen mit dem Schick¬
sal ist sein hohes Werk. ist seine hohe menschliche
Leistung geworden. Dessen bleibt dieses Nachlaßbuch
ein wichtiges Dokument.